Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

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XI. IV

der Humanismus kein Bcrständniß. N»r ctwa der cinc Zwcig der popu-
lären stiteratur/welchcr für dic Einlcitunz in das thecrctische Ttudium bc-
stimml war, begeznetc seincn Inkcressen. Allein erst im zwciten Iahrzehent
des sechszehnten Iahrhunderts wird die Aufmerksamkcit der humanistisch
gebildetcn Iuristen auf die Frage dcr Lehrmethodc cnergischer hingelenkt,
um sie dann in cincm rwn dcr populären Literatur schr abweichenden Smne
zu lösen.

Dennoch ist der Humanismus dieser Literatur nicht ganz fern geblieben.
In manchem Lertreter werdcn wir unverkennbare Spuren humanistischer
Richtung wiederstnden; und ciner dcr bedeutendstcn Vorkampfer des Huma-
nismus, Sebastian Brant, nimmt als Berfasser, noch mehr aber als
Herausgebcr populcirer Hülfsbücher cinen hervorragenden Platz ein. Aber
freilich ist es nicht das eigcntliche Lcbensprinzip des Humanismus, nicht
seinc treibende Kraft, welche hicr zur Wirksamkeit gelangt; sondern nur
ncbenher ist ein kleincr Bortheil für diese geistig untcrgeordnete Literatur
abgefallen, während im Ganzen die unter dem Einstusse des Humanismus
fortschreitende Entwickelung jene zurückdrcingt, und bis auf cinigc Restc
schon vor der Mittc des sechszehnten Iahrhunderts beseitigt.

Mehr als der klasstsche Humanismus kam eine anderc mit jenem
parallel laufende Zeitrichtung dcr populären Iurisprudenz zu Ttatten.
Es geht, wie schon hcrvorgehoben wurde, durch das fünfzehnte Iahrhundert
bedeutsam der Zug einer volksthümlichen Erhebung. Die unteren Ständc
hatten sich zur Geltung emporgcarbeitct, die Städte ihre feste Stellung im
Reiche, in ihnen selbst die Zünfte gegenüber dcm Patriziat das gleiche
politischc Recht gewonnen. Die höfifche ritterliche Poesie war zurückge-
treten gegen die volksmäßige Dichtung; der Bildungsdrang, auf der Tüch-
tigkcit und dem Wohlstande dcs Bürgcrthums beruhend, bcmächtigt sich der
untercn Schichten, und erzcugt jene seltsame Erscheinung der fahrenden
Schüler. Während man die vornehme und zugleich unfruchtbare Gelehr-
samkeit mit Spott verfolgt, erstrebt man die Hebung der Schulen zum
Unterricht des Bolks, und tüchtige Pädagogcn legcn den Grund zu einer
allgemeincn bürgerlichen Bildung. Zugleich sehen wir, wie man seit der
Mitte des Iahrhundcrts wieder beginnt, deutsch zu schrciben und die
Schätzc der Bildung dcm Bolke in der Muttersprache zugänglicb zu
machen.

Mit dieser Richtung, welche der Literatur ibren Charakter gab, ver-
schwisterte sich das Bedürfniß des Rcchrslcbcns: und als hervorragender
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