Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Transl.]; Artus, Thomas [Transl.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

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Die Bildnisse I). Martin Lnlhers im Tode.

Lebendigkeit der Wiedergabe kommt nicht aus zweiter Hand. Und ivas der all-
gemeine Eindruckknndet, dasbestätigt, wie mir scheint, mit zwingender Beweiskraft
eine Einzelheit: das aufgelöste Haar am Hinterkopfe, wie es kein zweites Porträt
Luthers, auch keines der übrigen sogleich nüher zn betrachtenden Totenbildnisse
Luthers mehr zeigt, kann nicht das frei erfundene Werk eines Kopisten sein.

Das alles wird zwiefach deutlich werden und einleuchten, wenn wir im nach-
folgenden die sämtlichen Bilder, die uns sonst an Darstellungen des toten Luther
erhalten nnd bekannt sind, in das Licht unserer Handzeichnung werden zu rücken
haben.

Es kann den Wert unserer Handzeichnung nur steigern, wenn wir an dieser
Stelle die Maße hinzufügen, die der Kopf Luthers in ihr hat; denn allem An-
schein nach ist er in natürlicher (Lebens-)Größe wiedergegeben. Es sind diese:
die weiteste Entfernung von der Höhe der durch das dünne Haar bedeckten
Schädelplatte bis zur unteren Linie desUnterkinnes mißt 22,8 evr (mit dem Haar
auf dem Kopfe 23 em); die Entfernung von demselben Punkte der Schädel-
platte bis zum tiefsten Punkte des eigentlichen Kinnes beträgt 20,3 om. Die
Gesichtsbreite, gemessen in der Horizontale unter den Augen von dem Kontur
des Backenknochens links bis zum Ohransatz, ist rund 15 om. Aus diesen Maßen
ergibt sich aufs neue die auch sonst bereits gemachte Wahrnehmung, daß Luthers
Kopf verhältnismäßig kleinen Umfanges war.

2.

Die Frage der Vorträtierung de^ wten Luttzer
nach den Sterdederichten.

Welches ist die Hand, die uns diese einzigartige Zeichnung geschaffen hat?

Einen Namen können wir mit aller Bestimmtheit ausschalten: Lukas Cranach.
Seine Kunst und die seiner Söhne hat uns den lebenden Luther im Bilde er-
halten^), das des toten festzuhalten war ihr versagt.

Wir sind bekanntlich in der glücklichen Lage, über Luthers Ende und alle
die Vorgänge in der Nacht des raschen Todes zu Eisleben, Mittwoch auf Donners-
tag 17./18. Februar 1646, vom ersten Unwohlwerden am Abend bis zum letzten
Atemzuge kurz vor drei Uhr am frühen Morgen und dann weiter über die Be-
handlung der Leiche bis zu ihrer Beisetzuug in der Schloßkirche zu Wittenberg
(Montag den 22. Februar, Nachmittag) mit einer Genauigkeit und Zuverlässig-
keit unterrichtet zu sein, die fast nichts zu wünschen übrig läßt. Zählt man doch
zur Zeit nicht weniger als neunzig unmittelbare Quellenstücke über Luthers
Tod und Begräbnis!^) Zwei ragen unter ihnen als die weitaus eingehendsten

1) Vgl. Ed. Flechsig,Cranachstudien. ErsterTeil. Leipzig 1900,xassiin, insbesondere257—263.

2) So die neueste und gegenwärtig beste und vollständigste Zusammenstellung von Christof
Schnbart, Die Berichte über Luthers Tod und Begräbnis. Texte und Untersuchungen. Weimar
1917 (im folgenden — Schubart). Sie sind freilich nicht alle in ihrem Wortlaut Lekannt, und auch
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