Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Übers.]; Artus, Thomas [Übers.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

Seite: 40
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Die Bildnisse O. Martin Luthers im Tode.

Wir haben, nimmt man es wörtlich, kein Bild des „Luther im Sarge"; den
„Sarg mit Luther" darzustellen war jüngeren Zeiten vorbehalten?) Wir haben
aber statt dessen, wie unsere Bilderschau bezeugt, zwei Reihen von halbfigurigen^)
Totenbildnissen Luthers, von denen die eine, umfangreichere, ihn auf dickem
Federkissen ruhend, die andere ihn ohne Kopf- und Rückenunterlage, mit völlig
glattem, leerem Hintergrnnde zeigt. Jn allen ist Luther mit weißem, weitärme-
ligem, an Hals und Ärmelenden mit schmaler Zierspitze besetztem Kittel bekleidet;
wir dürfen diesen Kittel sogleich als jenen neuen schwäbischen bezeichnen, den
man dem Leichnam nach neun Uhr des Vormittags, als man ihn aus dem Sterbe-
zimmer in die anstoßende Kammer auf „ein Bett und Stroh" umlegte, angezogen
hatte?) Es ist gar keine Frage: unsere erste Bilderreihe gibt den Toten wieder
auf diesem „Bett und Stroh"^), indes die zweite Reihe sein Bildnis festhält so,
wie es im Sarge erschien. Mit anderen Worten: „Luther auf dem Paradebett"
ist der Gegenstand der ersten unserer beiden Bilderreihen, „Luther im Sarg"
der Gegenstand der zweiten. Damit ist aber zugleich gegeben, daß eine Bild-
aufnahme stattgefunden hat, die vor der Einsargung, also vor der Ankunft
und dem Eingreifen Furtenagels erfolgt fein muß und die nur geschehen sein
kann durch jenen Eislebener Maler unbekannten Namens, von dessen künstle-
rischer Arbeit noch in den Morgenstunden des Sterbetages der Bericht des Jonas,
Coelius und Aurifaber uns authentische Kunde gibt. Denn nur einer der beiden
Künftler, von denen die Berichte über Luthers Ende reden, eben der aus Eis-
leben, hat ihn fo gesehen und so gezeichnet.

Daß der Eislebener Meister in den wenigen, überdies durch die vielen Be-
sucher aus Adel und Volk gestörten Morgenstunden des Sterbetages ein fertiges
Bild gemalt habe, ist ausgeschlossen; aber eine Skizze wird er zu Papier oder
einen getreuen Bildentwurf auf die Tafel gebracht haben. Und Skizze bzw.
Entwurf zum fertigen Bilde zu machen wird seine ernsteste und angelegentlichste
Sorge gewesen sein, sowie er das Sterbehaus verlassen hatte. Sie wird ihm
um so stärker vor der Seele gestanden sein, da er aus Auftrag und Lage der
Dinge darüber sich völlig klar gewesen sein muß, wie ungeheuer groß das Jnter-
esse war, dem zu dienen und das zu befriedigen man ihn berufen hatte. Nach
Skizze oder Entwurf suchen wir unter den uns überkommenen Paradebett-
Bildwerken vergeblich; aber könnte unter ihnen nicht vielleicht das auf Grund
derselben zustande gekommene Originalgemälde, das Urbild der ganzen Reihe,
erhalten geblieben sein?

Um diese Frage zu lösen, sehen wir uns vor die Aufgabe gestellt, den Kreis

1) Siehe unten S. 47 Anm. 3.

2) Nur der Holzschnitt Jobst Ammans (Nr. 1v der Bilderreihe) macht im 16. Jahrhundert eine
Ausnahme; sie ändert natürlich uichts an dem allgemeinen Typus. Siehe unten ebda.

3) Siehe oben S. 10. Natürlich ist dieser Kittel nichts, was dem toten Luther allein zugedacht
worden wäre; es ist das allgemein übliche Totenhemd.

4) Jobst Ammans Radierung (Nr. 10) gibt eine Vorstellung iwn dem ganzen Luther auf
diesem Lager.
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