Windelband, Wilhelm
Geschichte und Naturwissenschaft: Rede zum Antritt des Rectorats der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg, geh. am 1. Mai 1894 — Strassburg, 1894

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aus. Wer über philosophische Dinge philosophisch reden
will, muss allemal den Mut haben, im Ganzen Stellung zu
nehmen, und er muss auch den schwerer zu bewahrenden
Mut haben, seine Zuhörer auf das hohe Meer allgemeinster
Ueberlegungen hinauszuführen, wo dem Auge wie dem Fuss
das feste Land zu entschwinden droht.

Durch solche Bedenken könnte der Vertreter der Philo-
sophie sich wohl versucht finden, entweder nur ein historisches
Bild aus seiner Wissenschaft zu zeichnen oder seine Zuflucht
zu der besonderen Erfahrungswissenschaft zu nehmen, die
ihm nach den noch bestehenden akademischen Einrichtungen
und Gewöhnungen ebenfalls obzuliegen pflegt, — der Psy-
chologie. Bietet doch auch sie eine Fülle von Gegenständen,
die Jeden angehen und deren Behandlung um so sicherer
Ausbeute verspricht, je mannichfaltiger die methodischen
und sachlichen Gesichtspunkte sind, welche die lebhafte
Bewegung dieser Disziplin in den letzten Jahrzehnten hat zu
Tage treten lassen. Ich verzichte auf beide Auswege: ich
möchte weder der Meinung Vorschub leisten, dass es nicht
mehr Philosophie sondern nur deren Geschichte gebe, noch
der anderen, als könne die Philosophie, wie sie Kant neu
begründet hat, jemals wieder in den engen Rahmen der-
jenigen Spezialwissenschaft zusammenschrumpfen, deren Er-
kenntnisswerth er selbst unter den theoretischen Disziplinen
am geringsten veranschlagte. Vielmehr erscheint es mir bei
einer Gelegenheit wie der heutigen als Pflicht, dafür Zeugniss
abzulegen, dass die Philosophie auch in ihrer jetzigen Form,
wo sie alle metaphysische Begehrlichkeit abgelegt hat, sich
jenen grossen Fragen gewachsen fühlt, denen sie, wie den
bedeutsamen Inhalt ihrer Geschichte, so auch ihren Wert
in der Litteratur und ihre Stellung im akademischen Unterricht
verdankt. Und so reizt mich das Wagniss der Aufgabe,
jene Triebkraft der. philosophischen Untersuchung, wodurch
jedes Sonderproblem sich in die letzten Räthsel menschlicher
Welt- und Lebensansicht ausweitet, Ihnen an einem Beispiel
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