Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 23.1906

Seite: 5018
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Die zahlreichen, über ganz Deutschland zerstreuten
Freunde von Heinrich Meister sind durch seinen plötzlichen
Tod aufs schmerzlichste berührt morden, und die ganze
Partei wird diesen seltenen Mann gleichmäßig, vermissen.
Die in täglichem Verkehr mit ihm gestanden, werden
sich noch lange nicht daran gewöhnen können, daß „der
alte brave Hein" nun nicht mehr da ist.

In der Geschichte des großen Befreiungskampfes der
Arbeiterklasse wird sein Name dauernd sein, wenn er
auch selbst wenig Rühmens von sich machte, so ist doch
seine mehr als vierzigjährige Tätigkeit für die ganze
Bewegung von nachhaltiger Wirkung gewesen.

In einem äußerlich schwächlichen Körper wohnte ein
heller, scharfer, trotziger und unbeugsamer Geist. Dies
Naturell war für den proletarischen Klassenkampf wie
geschaffen und sollte sich bald bewähren.

„Im Schoße der Armut ward er geboren" — zu Hildes-
heim erblickte Heinrich Meister am 2. Vktober 18^2 das
Licht der Welt, wenn er auch nur eine Volksschule be-
suchen konnte und von seinem vierzehnten Iahre an das
Zigarrenmachen erlernen und hart arbeiten mußte, seine
bedeutende Persönlichkeit machte sich in »der Arbeiter-
bewegung rasch bemerkbar. Mit dreiundzwanzig Iahren
schloß er sich einer politischen und gewerkschaftlichen
Organisation zugleich an, was für.sein ganzes Leben
bedeutsam wurde, denn am Zusammenwirken von Partei
und Gewerkschaften hat er immer strenge festgehalten.
Im Tabakarbeiterverein, um dessen Organisation er sich
große Verdienste erwarb, wurde er schon 1867 unter
Fritzsche stellvertretender Vorsitzender; als der Verein,
der unter dem Sozialistengesetz aufgelöst worden war,
1882 neu begründet wurde, wählte er Meister zum Vor-
sitzenden, der er bis zu seinem Lnde geblieben ist.

Die glänzende Agitation Lassalles verfehlte nicht ihren
Lindruck auf den jungen Meister; er trat 1865 dem
Allgemeinen deutschen Arbeiterverein bei und gründete
}867 eine Mitgliedschaft in Hannover, von der er der
einzige noch Lebende war. Heute zählt der Sozialdemo-
kratische Wahlverein in Hannover 6500 Mitglieder. Das
ist auch ein Stück von Heinrich Meisters stolzem Lebens-
werk. Die innere Anhänglichkeit an Laffalle war bei
ihm, wie bei den meisten alten Laffalleanern, sein Leben
hindurch geblieben, so. entschieden er sich den neuen
Formen der Partei angepaßt hatte, wie bei tzasenclever
und tausend anderen war auch bei ihm der Lindruck
ein dauernder, welchen die gleich einem glänzenden Meteor
aussteigende Lrscheinung des großen Agitators bei ihm

Neudeutsches Mailied.

In jungem Grün steht Busch und Baum.
Allüberall ein Blütentraum
Und alle Knospen springen.

Der Reichstag sagt zu allem ja!

Die neuen Stenern sind schon da,

Die Millionen bringen.

Des Kuckucks Ruf von fernher tönt,

Als ob der Vogel uns verhöhnt:

Ruft nur den eignen Namen.

„Ich, ich und ich, und nochmals ich!"
Die schönen Reden mehren sich,

Die schnarrenden Reklamen.

Das Laschen schwelgt im saft'gcn Grün,
Steht auf den Linterbeinen kühn
Und trommelt mit den Pfoten.

Der Äbcr-Staatsmann lächelt mild
Und grüßt das eigne Spiegelbild — -
Schreibt diplomat'sche Noten.

Die Lerche trillert hoch im Blau,

Das Bächlein murmelt durch die Au,

Der Storch stelzt durch die Wiesen.

Der Grenadier heißt Trampeltier,

Und Püffe kriegt der Musketier.
Kaserne, sei gepriesen!

Im Sumpfe quackt der Frösche Leer.

Die sehn die Welt von unten her
Und haben dicke Köpfe.

Heinrich Meister -j-

bewirkt hatte. Indeffen war Meister doch der Bruder-
zwist zwischen „Lisenachern" und „Laffalleanern" zu-
wider. Als 1875 die Linigung zwischen den beiden
Fraktionen angebahnt wurde, gab Meister sich in den
Vorkonferenzen alle Mühe, dieselbe zu fördern, obwohl

er wußte, daß damit der Lassalleanismus in seiner ur-
sprünglichen Form nach und nach verschwinden werde.

Die Verfolgungen, welche die Partei während des
Sozialistengesetzes zu bestehen hatte, trafen auch ihn; er
mußte eine vierwöchentliche Gefängnisstrafe verbüßen,
während des Sozialistengesetzes hieß es immer von
Hannover, daß dorr die parteiverhäl.tniffe am besten ge-

Die Patrioten fchrei'n „Lurra!"

Es ist der deutsche Spießer ja
Das bravste der Geschöpfe.

O wonnevolle Maienzeit,

O Sprießen, Blühen weit und breit
In Wäldern und in Auen!

Wie lieb' ich dich, niein Vaterland!
Nur möchte ich mit kräft'ger Land
Einmal dazwischen hauen! Secundus.

Ein „Deutscher".

Börne sagte einst: „Jeder Deutsche trägt
seinen Gendarmen mit sich in der Brust
herum." Das stimmt nicht mehr ganz. Lieber-
nmnn von Sonnenberg beherbergt sogar eine»
Kosaken in der zottigen Männerbrust.

Germanins Klagelied.

Betrachte ich die Heldrnlakrn
Von meinen schlauen Diplomaten
Und überblick' da« Krsumr,

Wird mir'« im Herren bang und weh!

Italien hielt mit Frankreich Schritt
Im edlen Schachrrstreitr,

And Rußland gab mir einen Tritt
Derb aus die Hinterseite.

Ich zähl' dir Häupter meiner lieben,

And ach: nur Ostreich ist geblieben!

Zu fett ward ich in meinem Glück,
Drum trieb ich hohe Politik;

Nun sch' ich schmerrrrrflossen da,

Ich dumme Gans Germania! I. s.

ordnet seien. Darauf war Meister mit Recht stolz, und
wenn es manchmal geschah, daß ein Fraklionskollege in
heiterer Laune ihn „König von Hannover" nannte, so
besaß er Humor genug, den Scherz nicht übel zu nehmen.

188^ ward er von der Stadt Hannover in den Reichs-
tag gesandt und behielt dies Mandat bis zu seinem Tode.
1903 ward er mit fast 30000 Stimmen gewählt. Lr
trat nicht oft als Redner auf, aber er sprach scharf und
energisch und machte immer Lindruck. Um so fleißiger
war er als Mitglied der Budgetkommission, welcher er
lange Iahre hindurch angehörte. Auch versah er das
mühevolle Amt des Fraklionskassiers. Bei der Auszah-
lung der Diäten führte sein derber Humor manche lustige
Szene herbei.

Äußerlich erschien sein Dasein nicht gerade rosig an-
gehaucht. Meister mußte auch als Abgeordneter, wenn
der Reichstag nicht beisammen war, noch in der Fabrik
um so geringen Lohn arbeiten, daß er sich deshalb nicht
einmal einen eigenen Hausstand gründen konnte. Lr
ertrug dies Schicksal mit der Ruhe eines Philosophen der
alten weit. Rur einmal wallte er im Zorne auf, als
der bekannte „Aönig Stumm" sich erdreistete, im Reichs-
tage die sozialdemokratische Fraktion als „sechsunddreißig
wohlgenährte Bourgeois" zu bezeichnen. „Dat is voge-
ligen Kram!" rief Meister dem Kapitalsmagnaten mit
kräftiger Stimme entgegen und er hatte allen Grund
dazu. Seine plattdeutschen Kraftausdrücke wurden üb-
rigens bei den Kollegen oftmals „geflügelte Worte".

Nachdem er sich endlich selbständig zu machen ver-
mocht, konnte er auch seine Gattin heimführen, mit
der ihn eine seltene Übereinstimmung in allen Dingen
verband.

- Der dies schreibt, war im Reichstage sein Nachbar
und war mit ihm durch eine wohl über dreißig Iahre
sich erstreckende Freundschaft verbunden. Line Lieblings-
beschäftigung von Meister war, sich in die Vergangen-
heit, in die Zeit der Anfänge der Partei zu vertiefen,
und wir haben dabei manchen Abend zugebracht in der
kleinen Schänke zu Berlin vor dem Halleschen Tor, wo
Meister allabendlich seine „Weiße" zu trinken pflegte.

Lr war, wie ihm allseitig nachgerühmt wurde, als
Politiker ein stolzer und edler Lharakter, als Mensch
aber weich und mild, was er unter oftmals rauh tönenden
Redewendungen verbarg. Lr hatte keinen Feind.

Die Parteigenossen werden darum noch lange an ihn
denken. Seinesgleichen erscheinen nicht viel unter den
Menschen. w. B.

vcr Vesuv.

Ls speit der Vesuv sein Zeuer,

Die Lava strömt ins Land
Und wälzt mit sich den Schrecken,
Verwüstung, Tod und Brand.

Ls steht in der Bestürzung
Der Menschenschwarm dabei,
verhindern kann das Unglück
Vicht mal die Polizei.

Und die ihr euch auf Lrden
So vieles bildet ein,

Gewaltige und Große,

Wie seid ihr da so klein!

Theorie und Praxis.

„Und dieweil sie gerade fromm und gottes-
fürchtig in der Kirche saßen, da kani ihnen
das Glück ins Haus: es war ein Telegramm,
daß sie das große Los gewonnen Hatten."

So endete der Pastor seine erbauliche Ge-
schichte für das „Familienblatt". Sinnend
legte er die Feder hin und ging zur Predigt.

Und wie er wieder nach Hause kam, da war
bei ihm mit sehr viel Glück eingebrochen
worden. ———

Erwartung und Erfüllung.

Nach Algcciras schiffte mit großem Maule
der Michel —

Still, auf verhau'nem Gesäß, treibt er zu
Muttern zurück.

Der Bär lädt Adler, Löwen, Leoparden
Und was man sonstnoch sieht aufden Standarten
-Gemütlich ein zu einem Kaffeekränzchen
Im Haag und nennt es Friedenskonferenzchen.
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