Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 31.1914

Seite: 8504
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Albert Dulk.

Zur dreißigsten Wiederkehr seines Todestags (f 29. Oktober 1884).
Von Ernst Ziel?

Albert Dulks Geburt am 17. Juni 1819 fiel mitten hinein in jene
politisch so schwülen Monate zwischen der Ermordung Kotzebues und
den Karlsbader Beschlüssen. Diese beiden Daten stellten dem Sohne
des Chemieprofessors an der Königsberger. Universität ein böses
Horoskop. Aber wie dunkel auch die Zeit hereindrohte, im Hause
Dulk warfen Geister, die ins Helle strebten, ihr freiheitliches und be-
freiendes Licht in die aussteigenden Tage des Knaben von Samland,
Geister wie Johann Jacoby, Freiherr von Schön und Karl Rosen-
kranz. Und aus dem Bürschlein wurde ein Herrlein. Er rvar eine
Jüngliugserscheinung von berückender Schönheit, dieser junge Dulk:
Seine hohe edelschlauke Gestalt voll
Ebenmaß und Elastizität schritt
bewußt und frei einher. Bewußt
und frei trug er den spanischen
Mantel. Sein kühngeschnittenes
Gesicht war von langem braunen
Gelock umwallt. Mit blitzenden
Blauaugen schien er die Welt zu
fragen, ob sie denn auch ivirklich
Raum genug habe für die Höhe
und Weite seiner Entwürfe. Sein
Tun war Energie. Sein Sprechen
war Feuer. Sein Streben war
Schönheit und Freiheit.

Damals wurde in ihm der
Dichter wach. In Georg Büchner,

Friedrich Hebbel und anderen war
der Zeit eine Opposition freier und
starker poetischer Talente erstan-
den. Heine wurde der lyrische,

Grabbe der dramatische Herold
dieser Heißsporne. Shakespeare war
längst ihr Gott. Im Gegensatz zu
den Romantikern wollten sie die
Kunst mit eineni gewissen Materia-
lismus des Denkens erfüllen. Und
von den Anregungen dieser radi-
kal oppositionellen Dramatik der
dreißiger Jahre ging Dulks Drama
„Orla" aus, das 1844 anonyiu
erschien. Alles in allem darf inan
den „Orla" als das Programm
vom Schaffen Dulks bezeichne».

Alle Saiten, die später bei ihm
tönen, schlägt er schon hier an: der
Liebe Lust und Leid, des Geistes
Sturm und Drang, die Frage nach
Gott und Ewigkeit und der Kampf
für Freiheit und Vaterland kommen
jugendlich ungestüm schon hier zu
Wort. Aber es fehlt noch Maß
und Rundung.

Im Winter von 1846 auf 1847
schrieb Dulk sodann sei» zweites
Drama, seine „Lea". In dieser
interessante» Dichtung, die unter
Zugrundelegung von Hauffs Novelle die Geschichte des Juden Süß
schildert, lehnt sich der Verfasser gegen jedes autokratisch-bureau-
kratische Staatsideal energisch auf. „Lea" kennzeichnet bei ziemlich
geringem ästhetischen Wert die sich mehr und mehr festigende poli-
tische und soziale Gesinnung des Dichters.

Am 25. Februar 1848, also einen Tag nach dem Platzen der Bombe
in Paris, wurde „Lea" im Königsberger Stadttheater zum erstenmal
aufgeführt. Während der Vorstellung traf die Nachricht von der Volks-
erhebung an der Seine in Königsberg ein, und als am Schlüsse
brausender Beifall den Dichter auf die Bühne rief, trat er mit leuch-
tendem Antlitz an die Rauipe und verkündete: „Die Sturmglocken der
Freiheit lauten. In Paris ist die Revolution ausgebrochen."

* Unter Anlehnung an des Verfassers umfangreichen Essay „Albert
zuerst als Einleitung erschienen in dein dreibändigen Werke: Aibert Dulk, Sämt-
liche Dramen, herausgegeben von Ernst Ziel (Stuttgart l8W, I. H. W. Dieb),
und sodann nachgedruckt in: Ernst Ziel, Literarische Reliefs, Dichterporiräts
«Leipzig 1885 bis 1885, Ed. Wartigs Verlag), Band IV.'

Nun waren in Europa die Dinge ins Rollen geraten. Das große
soziale Feuerwerk ivar zu Paris in die Luft geprasselt. Da wurde
es plötzlich hell in manchem Winkel, und der Winkel Deutschland,
speziell Preußen, zeigte ein in Unmut und Verzweiflung geradezu
hineinregiertes Volk. Unter dem Ministerium Eichhorn Arnim-Mühler
sollte alles den kirchlich absolutistischen Firnis erhalten. Die offizielle
Unduldsamkeit und Verketzerungssucht war bis zur offenbaren Ver-
neinung der Gewissensfreiheit gestiegen. Überall steckte die hohe Obrig-
keit ihre privilegierte Nase in anderer Leute Gewissen, und dabei hatte
sie selbst regelmäßig das schlechteste, aber stets ein — ruhiges Ge-
wissen. Man wollte nicht den Staat
der Rechte, sondern den der Vor-
rechte etablieren. Solchen Zustän-
den gegenüber gärte und kochte es
natürlich im Volke, und eine ivohl-
iveise Staatspraktik mußte unaus-
gesetzt darauf bedacht sein, dem
„kleinen Manne" Wasser in den
Wein seines berechtigten Zornes
zu gießen, das Wasser unaufrich-
tiger Verheißungen und verlogener
Beruhigungen. Aber der Spiritus
behielt die Oberhand.

Mit zu den ersten preußischen
Städten, in denen dieser Spiritus,
nämlich der eines gesunden Volks-
bewußtseins, hell aufflammte, ge-
hörte Königsberg. Schon am
6. März wurde aufAnregung Dulks
und anderer eine Kommission
ernannt, die sofort eine resolute
Adresse an den König aufsetzte.
Am 13. März sodann, am Tage der
Wiener Revolution, kam es in Kö-
nigsberg zu allerlei Ausschreitun-
gen. Von Tischen und Leitern herab
redete man auf den Straßen zum
Volk. Eine Bürgerwehr ivurde ge-
schaffen und der junge Poet zum
Korporal ernannt. Von seinem Va-
ter erhielt er Säbel, Gewehr und
alle Ausrüstungsstücke eines Sol-
daten der Freiheit.

Nicht lange — und wie über-
all in Deutschland, so errang auch
in Königsberg die Reaktion Erfolge
über Erfolge. Am 10. November
sprengte Wrangel die preußische
Nationalversammlung — und der
Säbel hatte über die Vernunft ge-
siegt.

Unzufrieden mit der Zeit, un-
zufrieden mit sich selbst, beschloß
Dulk, dem Deutschland des Rück
schritts, ja denr ganzen nach Poli-
zei und Rechtgläubigkeit duftenden
Europa auf lange, vielleicht für immer den Rücken zu kehren.
Nach dem Orient zog es ihn. Im Juni 1849, gewissermaßen unter
dem Gewehrgeknatter der badischen Freischärler nnd den Todes-
zuckungen des Aufstandes in Ungarn, begab er sich über Italien
nach Ägypten und Arabien. Denr Zuge seiner phantastischen
Natur folgend, ließ er sich in einer Granitgrotte im Sinaigebirge
auf Monate häuslich nieder. Lag draußen auf den schweigsarn
brütenden Flächen der sengende Strahl der Südlandssonne oder
wehte tagelang orkanartig und den Himmel verdunkelnd der heiße
dörrende Schirokko, dann saß der seltsame Europaflüchlling, in sein
langes weißes Beduinenhemd gehüllt, wie ein anderer Moses oder
Elias nachdenklich zivischen den feuchten, hallenden Felsen seiner
Grotte, aß sein selbstgebackenes Brot, trank die Milch, ivelche die
gutherzigen Söhne des Landes gegen Tabak und andere Gabe«»
ihm brachten, und sann über die Welt und sich selbst nach. Tage-
lang schrieb er, las er, gab er sich biblischen und arabischen Studien
hin. Tagelang wandelte er. Auf seinen Wüstenwanderungen — auch
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