Wölfflin, Heinrich
Gedanken zur Kunstgeschichte: Gedrucktes und Ungedrucktes — Basel, 1941

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Kunstgeschichtliche Grundbegriffe — darunter soll hier folgendes verstanden
werden. In jedem Kunstwerk kann man eine äußere und eine innere Form
unterscheiden. Die äußere Form ist das Unmittelbar-Ausdrucksvolle, die be-
stimmte Schönheit, der bestimmte Charakter, die innere Form ist das Medium,
in dem sich diese Schönheit, dieser Charakter verwirklicht hat. Es kann von
plastisch-linearer Art sein oder von malerisch-scheinhafter, es kann ein Denken
in isolierten Formen sein oder in Zusammenfassungen, wo das Nebeneinander,
die Koordination durch Verhältnisse der Über- und Unterordnung ersetzt ist,
es kann von geometrisch geordneter Natur sein oder von frei-rhythmischer, es
gibt viele solche Formmerkmale - in ihrem Zusammen ergeben sie jeweilen den
Anschauungs- (Vorstellungs-) Stil einer Periode. Das Nacheinander dieser Stile
erweist sich als eine psychologisch-rationelle Folge und wir sprechen daher von
einer gesetzmäßigen Entwicklung. Alle Form aber hat ein doppeltes Gesicht:
sie ist eine Sache des Gestaltens und ist eine Sache des Erkennens und Deutens.
Die malerische Stufe z. B. des Formsinns züngelt nach einer besondern maleri-
schen Schönheit, die früher nicht da ist, und zugleich liegt in der malerischen
Auffassung eine neue, besondere Möglichkeit, dem Inhalt der Welt beizukom-
men. Es gibt eine Schönheit des Malerischen und eine Wahrheit des Male-
rischen.

Wenn so schon die Stufen der innern Entwicklung des Formsinns, der An-
schauung also (man sieht immer in Formen) nach einer bestimmten Richtung
hin disponiert sind, so gewinnt das Kunstwerk sein eigentliches geistiges Gesicht
doch erst dadurch, daß bestimmte bildliche «Ideen» in ihm Gestalt gewonnen
haben; der einzelne thematische Einfall eines Malers wie sein «Welt»gefühl im
Ganzen ist eine solche Idee, aber auch die Konzeption der Architektur der
Gotik oder 'der italienischen Renaissance. Man kann diese bildlichen Ideen,
das Motivische gewissermaßen, als die äußere Form bezeichnen, wodurch sie
natürlich nicht an zweite Stelle gerückt werden soll: Äußere und innere For-
men gehören notwendig zusammen, wie Mann und Weib. Beide sind aufein-
ander angewiesen. Erst in ihrer Vereinigung entsteht Kunst. In meinem Buch
«Kunstgeschichtliche Grundbegriffe», das im Jahre 1916 erschien und in allen
spätem Auflagen unverändert abgedruckt worden ist, habe ich die zwei Fak-
toren deutlich zu scheiden mich bemüht. Die innere Entwicklung ist dort frei-
lich noch so behandelt, daß sie zu stark isoliert erscheint. Das ist von der Kritik

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