Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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12 MARIA GRUNEWALD.

tiven Anfängen zu einer immer vollkommener ausgebildeten Natur-
wiedergabe in dem beschriebenen allgemeinen Sinne.

Nun pflegt man aber in der Kunstgeschichte anderseits von Stilen
zu sprechen, wie Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko. Damit tritt
plötzlich eine ganz andere Betrachtungsweise in den Vordergrund.
Es ist keine Rede mehr von einer folgerichtigen Entwicklung, sondern
es handelt sich scheinbar um ein zufälliges Durch- und Nacheinander
von sehr charakteristischen und in sich geschlossenen Geschmacks-
bildungen, die unter sich gar keinen Zusammenhang haben. Wenn
nun auch zwischen diesen stilistischen Erscheinungen Übergänge
zu konstatieren sind, so bleibt doch jede im Höhepunkt ihrer Ent-
wicklung etwas Einzelnes, und der Gedanke einer durch Jahrhunderte
konsequent sich fortbildenden Kunst scheint damit aufgehoben.

Beide Betrachtungsweisen der Kunstgeschichte treffen meiner An-
sicht nach zu. Es fehlt jedoch zunächst der Zusammenhang zwi-
schen ihnen. Diesen aufzusuchen, ist die Aufgabe, welche sich vor-
liegende Arbeit stellt. Wie erklärt es sich, daß die Schöpfungen einer
Periode, eines Künstlers, ja ein einzelnes Kunstwerk einerseits eine
Entwicklungsstufe im Laufe der Geschichte bedeuten, anderseits ein
Vollkommenes, ein Ende, und zwar das letztere als stilistisch in sich
geschlossene Einheit? An einem Beispiel soll der Zusammenhang
dargelegt werden.

Im Anfang des 15. Jahrhunderts wird in Europa ein neuer lebhafter
Vorstoß im Sinne des Naturalismus gemacht; es gilt namentlich die
Bewältigung des Raumes mit Hilfe der Plastik und der Linearperspek-
tive. Auch hier handelt es sich um eine Stufe der Entwicklung, welche
auf eine vorhergehende folgt und von der folgenden überholt wird.
Vorher war die Darstellung flächenhafter, später wird namentlich die
Licht- und Luftperspektive zur Ausgestaltung des Raumes mit ver-
wandt, weil sie neue Möglichkeiten bietet.

Wie nun aber gerade diese Entwicklungsstufe andererseits eine
in sich vollkommene Kunst sein kann, das beweisen vor allen Dingen
die Werke des Andrea del Castagno. Wir betrachten zu diesem
Zwecke zunächst sein Abendmahlsfresko, welches sich im Kloster der
heiligen Apollonia in Florenz befindet. Dort sehen wir in einen klar
konstruierten, gleichsam in bestimmt abgegrenztem, kurz geführtem
Stoß zur Tiefe gehenden Raum, dessen Langausdehnung parallel zur
Bildfläche liegt. Die Apostel sitzen einzeln gereiht an der Tafel des
letzten Abendmahls mit ihrem Herrn. > Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: Einer unter euch wird mich verraten!« Das Wort ist ge-
sprochen, die Anwesenden geraten in Bewegung. Aber wird nun die
Impression eines transitorischen Zustandes erreicht oder auch nur
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