Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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Acad.Leseh.

6-MAI.1315

s

V.

Zur Begründung der Ästhetik.

Von

Richard Hamann.

1. Methode.

Wir leben in einer Welt der Dinge, der Objekte und der Subjekte,
die durch Raum und Zeit in eine bestimmte, gültige Ordnung zu-
sammengefaßt sind. Um sie pflegt sich alle unsere Erkenntnis zu
drehen, auf sie unser Wille und Gefühl sich zu beziehen. Wir fragen:
welches sind die uns bekannten Objekte, welche Eigenschaften be-
stehen an ihnen, welche Vorgänge zwischen ihnen? und wir fragen
weiter: wie verhält sich zu ihnen das aufnehmende Subjekt, welche
Veränderungen nimmt das Subjekt mit den sich gleichbleibenden Be-
stimmungen der Objekte vor, wenn es sich ihrer im Wahrnehmen, im
Fühlen und Wollen bemächtigt, und welche Eigenschaften ergeben
s'ch für das Subjekt überhaupt daraus, welche spezifischen Energien,
und welche für das einzelne Subjekt, das Individuum? So ist diese
Beziehung auf Subjekt und Objekt, diese psychophysische Bestimmung
ln all unseren Erkenntnissen enthalten, die wir als Wirklichkeits-
erkenntnisse bezeichnen. Wir fragen immer, wie die Dinge und die
Subjekte beschaffen sind, treiben Naturerkenntnis oder Psychologie, aber
fragen nicht, was denn Natur und Psyche, Objekt und Subjekt selber
bedeuten. Wir machen naturwissenschaftliche und psychologische Er-
fahrungen, aber fragen nicht, was denn für Erfahrungen vorausge-
gangen sein müssen, um alle unsere Erkenntnisse in diese Form der
Naturerlebnisse oder psychologischen Erkenntnis zu bringen. Oder
wenigstens fragen wir erst seit Kant danach, denn seitdem ist es klar
geworden, daß die unmittelbarsten Erfahrungen, auf Grund deren wir
etwas aussagen, das unmittelbar Gegebene oder das absolut Vorfind-
hche, oder wie wir es nennen wollen, da die Sprache nicht einmal einen
Namen bisher dafür gültig hat festsetzen können, noch nicht Wirklich-
keitserkenntnisse sind, noch nicht Natur und Seele, Objekt und Sub-
jekt bedeuten. Das, was wir in unseren Begriffen von Natur und
Seele meinen, ist nicht unmittelbar gegeben, ist transzendental. So

Zeltschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. X. 3
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