Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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III.
Vom Tragischen,

Von

Christoph Schwantke.

In dieser Arbeit soll ein Beitrag zu dem Problem versucht werden,
den objektiven Charakter des Ästhetischen im allgemeinen und
des tragischen Erlebens im besonderen zu erklären; dazu muß ein er-
kenntnistheoretischer Standpunkt zugrunde gelegt werden, von dem
aus überhaupt der Begriff objektiv« definiert werden kann. Als
solcher ist der Standpunkt des Idealismus gewählt, der die Begriffe
der Außenwelt als Ergebnisse des Bewußtseins erkennt, gewonnen
bei sinnlichem Anlaß mit den allgemeingültigen Methoden des mensch-
lichen Bewußtseins. Der objektive Charakter irgend eines Bewußtseins-
inhaltes kann und muß dann durch den Nachweis dargetan werden,
daß der Weg, der mein Bewußtsein zu ihm führte, ein objektiver,
ein allgemeingültiger ist.

Um diesen Beweis für ein ästhetisches Erlebnis zu führen, genügt
nicht die Berufung auf gemeinsame Sinneseindrücke, und es versagt
auch eine versuchte Berufung auf ein allgemeines logisches Verfahren;
wir müssen tiefer hinabsteigen in den Grund der allen Menschen ge-
meinsamen Möglichkeiten des Bewußtseins. Mit diesem Wort be-
zeichne ich alle letzten Grundlagen des Aktivseins überhaupt, und ich
erinnere daran, daß in jedem Fall des Aktivseins ein Fühlen unserer
Aktivseinsmöglichkeit erlebt werden kann; selten geschieht es beim
Handeln zu praktischem Zweck, reiner beim Spiel und am reinsten,
wenn das Aktivsein so gut wie ganz in der Phantasie bleibt — beim
ästhetischen Erlebnis. So sehe ich im ästhetischen Erlebnis ein Er-
leben unserer Möglichkeiten und begründe so seinen objektiven Cha-
rakter.

Alle Möglichkeit ist Möglichkeit der Reihenerzeugung, sie will im
Individuum und über das Individuum hinaus neue, höhere Möglichkeit
erzeugen. Durch diese in der Möglichkeit liegende Richtung läßt
sich allein ein Gesichtspunkt richtiger Anwendung definieren. So
allein kann auch der Wert, die Größe eines tragischen Helden defi-
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