Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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BEMERKUNGEN. 73

der Persönlichkeit, die das Ethische tragen. Lehren, wie die, daß das Ästhetische
in einem Spiel der Phantasie bestehe, oder daß der ästhetische Genuß nichts sei als
ein Hin- und Herpendeln zwischen Schein und Wirklichkeit, oder daß er sich in die
Freude am Können des Künstlers auflöse, erschienen ihm nicht nur sachlich falsch,
sondern menschlich leer — geeignet, der Tiefe des Ästhetischen Abbruch zu tun.
Und dennoch durfte gerade wegen der ethischen Quelle alles Bedeutsamen in
der Welt das Ästhetische nicht in die gleiche Höhe des Weltanschauungswertes
gerückt werden mit dem Ethischen. Das Letzte und Höchste mußte das Ethische
bleiben; in jenein ernsten Sinn, in dem es nicht die zufällige einzelne Handlung,
sondern die Werte einer verinnerlichteu Persönlichkeit angeht.

Neben dem sachlichen Gehalt seiner Lehre hat gerade diese menschliche Seite
seines Wesens gewirkt. Der Philosophie kommt ja noch eine andere Wertdimension
zu als die, welche in der bloß sachlichen Wahrheit eines Satzes gründet; für sie ist
in gewissem Sinne ebenso wichtig die aus der menschlichen Bedeutsamkeit des
Philosophen stammende Weite der Bezüge, in die der Gedanke hineingelassen ist,
die Tiefe der Welt, aus der er entstammt und zu der er dringt, das Gewicht, das
dem einzelnen Gedanken von seiner systematischen Bedeutung her verliehen wird.
Wer von der banausischen Atmosphäre mancher wissenschaftlich recht brauchbaren
Ästhetik herkommt, der wird gepackt von der Höhenluft, die bei Lipps auch dem
logisch nüchternen Gedanken Gehalt und Lebendigkeit verleiht. Die bohrende, die
Probleme hin und her werfende Art seines Stils hat zuweilen dies persönlich-sach-
liche Moment nicht deutlich hervortreten lassen. Wer ihn kannte, der spürt hinter
seinen abstraktesten Sätzen jene enthusiastische Flamme, deren Leuchten niemand
vergessen wird, der das Glück hatte, sein Schüler zu sein.

München. Moritz Geiger.

Zur Erinnerung an Ernst Heidrich.

Draußen bei Dixmuiden ruht nun Ernst Heidrich in kühler Erde. Er hat sein
reiches Leben hingegeben und geopfert für den schweren uns auferlegten Kampf.
Die wir am Herde bleiben mußten, können diesen großen Geist des Opferns nur
in uns führen und so erweisen, daß unserer Brüder Herzen in uns weiter schlagen.
Dies ist das einzige, wodurch wir die kühle Macht des Schicksals mit Leben durch-
wirken können. So wird in denen, die einem großen Toten nahestanden, sein
Leben dauernd weiter zeugen.

In allen, die Ernst Heidrich irgendwie begegnet sind, besonders in uns Schülern,
wirkt dieser seltene Mensch weiter. Das Herz seines Lebens war, was wir Gesin-
nung, Ehrfurcht, Verpflichtung nennen. Er hatte das Unpersönliche, die lautlose
Selbstverleugnung eines Menschen, dessen Leben ihm nicht Selbstzweck, nur Wirken
und Weben in einem größeren Zeitzusammenhang ist. Hier lag der Antrieb seiner
ungeheuren Erkenntnisfähigkeit und seines klarsten analytischen Verstandes, der ihn
zum Vorbild des spezifisch wissenschaftlichen Menschen machte. Was ihn zur Kunst
führte und dort hielt, war das Kontemplative in ihm, die tiefe Neigung zu sinnlich
beschauender Versenkung, der das Kunstwollen des Menschen, die innere seelische
Zuständigkeit und ihr unbewußter Wandel das tiefste Spiel der Geschichte ist.
Eine beschämende Feinfühligkeit war damit verbunden, ein Instinkt, das irrationale
und doch organisierte Ganze eines Gebildes unangetastet zu fassen. Auch hier hatte
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