Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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BESPRECHUNGEN. 95

In einem zweiten, polemischen Teil setzt sich der Verfasser mit Konrad Lange
(dessen der Ehre der Widerlegung schon allzu oft gewürdigte Theorie hier noch
einmal widerlegt wird), Volkelt, Lipps, Külpe, Souriau (von dem der Verfasser ab-
hängig zu sein scheint), Meinong und Witasek auseinander.

Der Verfasser gesteht am Schlüsse seiner Zusammenfassung selbst, daß er
absolute Neuheit für keines seiner Ergebnisse in Anspruch nehme. Dem wird kein
Leser seines Buches widersprechen. Auch eine übersichtliche Zusammenstellung
vorhandener Einsichten könnte jedoch klärend wirken; oft wird durch die bloße
Gruppierung etwas Neues gesagt. Paps Buch kann solche Vorzüge nicht in An-
spruch nehmen. Es ist selbstgedacht, ohne originell zu sein; vor allem entbehrt es
der Methode. Kluge Bemerkungen fehlen nicht, aber alles in allem spricht der
Verfasser mit der Konsequenz, die eine versteckte unzulässige Voraussetzung ver-
leiht, an den ästhetischen Tatsachen vorbei. Als diese Voraussetzung erscheint mir
der Wert, den er den Erlebnissen der träumerischen Ekstase beilegt. Daß von
einer solchen Voraussetzung aus ein Weg zur wissenschaftlichen Ästhetik nicht zu
finden ist, wird nicht nötig sein zu beweisen.

Berlin. Alfred Baeumler.

Richard Wagner-Jahrbuch. Herausgegeben von Ludwig Frankenstein.
Vierter Band. Berlin 1912, Hausbücher-Verlag, Hans Schnippel.

Nach dreijähriger Pause konnte der vierte Band des Wagner-Jahrbuches in
anderem Verlage erscheinen. Der Herausgeber bezeichnet als den wichtigsten Teil
seiner Aufgabe die Chronik, Statistik und steuert selbst eine die Jahre 1907—1911
umfassende, auf mühevoller Arbeit beruhende Bibliographie bei. Die von seinen
Mitarbeitern gelieferten Aufsätze und Kritiken gehören, wie das der ganze Stoff
mit sich bringt, verschiedenen Disziplinen an, so daß ein Einzelner sie unmöglich
alle kritisch bewältigen kann, er müßte denn ein umfassendes Genie sein: Arthur
Drews bringt eine Studie aus dem Gebiete der vergleichenden Mythologie, Karl
Heckel schreibt über das :>Wunder* bei Wagner, Kurt Singer über Hans Sachs-
Dramen, B. G. Speck über Wagner und Nietzsche. Als besonders wertvoll dürfen
wohl noch die von Max Koch, Robert Petsch, Wilhelm Altmann, Georg
Kaiser herrührenden Aufsätze und Kritiken bezeichnet werden. Richard Stem-
feld widmet dem verstorbenen treuen Wagner-Jünger Erich Kloß einen warm
empfundenen Nachruf. Auch die von Hans von Wolzogen zusammengestellten
Parsifal-Varianten haben sicher ihre Verdienste.

Dagegen kann man sich bei den von Arthur Seidl gegebenen aAnalogien-
Parallelen-Harmonien« eines gewissen Mißbehagens nicht erwehren. Seidl räumt
zwar selbst ein, daß seine Mitteilungen nur cum grano salis und keineswegs wört-
lich zu verstehen seien, dies ändert aber nichts an dem seinem Versuche zugrunde
liegenden Prinzip, den inneren geistigen Zusammenhang Wagners mit seinen dich-
terischen Vorgängern durch äußere Gegenüberstellung einzelner Sätze und Rede-
wendungen aufhellen zu wollen. Dabei mag ja gewiß zuweilen dieser und jener
überraschende Gleichklang zutage treten. Was soll man aber dazu sagen, wenn das
»Setzt Euch!« des Kaiserlichen Rates im Götz zusammengebracht wird mit Kothners
»Nun setzt Euch in den Singestuhl!«, wenn ein »feiner Faden« konstatiert wird,
der von dem Spinnrade der Frauen des Götz hinüberführe zu den Spinnrädern
der Mädchen im Fliegenden Holländer, wenn das »Geh'!«, mit dem Sarastro den
Mohren anherrscht, in Parallele gebracht wird mit Wotans an Hunding gerichtetes
»Geh'!«?

Wirkt bei Seidl die fast stets gewahrte Freundlichkeit des Tones und der Ge-
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