Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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Besprechungen.

Vernon Lee: TheBeautiful. An Introduction to PsychologicalAesthetics. Cambridge
1913. University Press.
In diesem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Büchlein entwickelt die be-
kannte Verfasserin ihre psychologischen Anschauungen über das Schöne. Sie
definiert »schön« als die »Stellungnahme betrachtenden Wohlgefallens, die durch
ein Gefühl der Bewunderung, das manchmal zu einem Affekte wird, charakterisiert
ist«. Dazu kommt, daß jenes Wohlgefallen nicht durch die Dinge selbst, sondern
nur ihre Erscheinungen (aspects) erweckt wird. »Wahrheit« z. B. ist infolge-
dessen für das Schöne ein inkommensurabler Begriff. Durch seine Richtung auf
die Erscheinung allein unterscheidet sich die ästhetische von der praktischen und
wissenschaftlichen Stellungnahme. Und zwar ist es innerhalb der Erscheinungs-
gegebenheiten die Gestaltqualität (shape), die schön genannt wird. Diese Aspekte
kommen zustande durch Bildung von Beziehungen kraft unserer aktiven erinnernden
und vorausblickenden Wahrnehmung. Vor allem aber hängen, und das ist ein
Hauptpunkt der gesamten Darlegungen, die Wahrnehmungen der Gestalt von Be-
wegungen ab, die wir machen, und den Ausmessungen und Vergleichen, die
wir veranstalten. Schönheit ist demnach negativ abhängig von leichter und
bequemer visueller Aufnahme und in positiver Weise von der ein-
fühlenden Verstärkung derselben durch motorische Faktoren:
Schönheit ist also unabhängig auch von der Dreidimensionalität, außer insofern,
als die dreidimensionalen und andere Eigenschaften der Dinge in Widerspruch
geraten mit der Freiheit und Leistungsfähigkeit des Geistes, die nötig sind für so
komplizierte Prozesse, wie es die der Einfühlung sind. Allerdings geschieht es nun
sehr oft, daß dies »Denken an die Dinge« in Widerspruch gerät mit der reinen
Betrachtung der Form. Neben der kubischen Gestalt kommt da vor allem die
Bewegungsübertragung in Betracht, der Funktionsausdruck, wie manche neueren
Ästhetiker in Deutschland sagen. Indessen ist der eigentliche ästhetische Wert
unabhängig von diesen Elementen des Bildes. Das Wesentliche am Kunstwerk
ist, daß es auch dort, wo es Dinge und Ereignisse gibt, das Interesse des Ge-
nießenden auf die Erscheinung hinlenkt. — Im ganzen kommt das ästhetische
Genießen zustande durch ein Zusammenwirken des Genießenden und des Künst-
lers. — Die Verfasserin, die in einer längeren Reihe von Büchern und Aufsätzen
mit den Problemen der Ästhetik sich auseinandergesetzt hat, faßt in dieser
kleinen Schrift zusammen, was sie in ihren in Fachzeitschriften bereits früher
veröffentlichten Arbeiten geboten hatte. Hier findet der Leser in leicht verständ-
licher, anschaulicher Form diese nicht leichten Gedanken dargelegt. Die Ver-
fasserin, die in der Geschichte der Ästhetik wohl einmal als diejenige dastehen
wird, die am radikalsten die Bedeutung der motorischen Faktoren für das ästhe-
tische Genießen betont hat, gibt ihrer Lehre hier eine Form, die zwar weniger
extrem ist, aber dafür viele der Schwierigkeiten vermeidet, woran frühere Kritiker
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