Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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434 EMIL UTITZ.

»verkommenen Genies« spricht. Es kommt eben nirgends nur auf
eine isolierte Anlage an, sondern auf die ganze Grundformel der Exi-
stenz, auf das Zusammensein der Synthese. Wenn wir aber nun die
Anwendung auf den Künstler ziehen, so scheinen beim Genialen und
beim Talentierten verschiedene Momente der künstlerischen Anlage
verschieden betont; beim Genialen steht im Vordergrund der gesamte
Lebensprozeß, der schon im Aufnehmen das Erlebte für seine Zwecke
gestaltet, wodurch die Gestaltung — oder wenigstens das Wichtigste
an ihr — scheinbar mühelos wird, frei, zur glücklichen Eingebung
einer begnadeten Stunde. Beim Talent liegt die Hauptstärke im wachen,
kritischen Auge. Dem Genie droht die Gefahr des nur Skizzenhaften,
dem Talent die des Verquälten, Überarbeiteten, durch seine steife
Korrektheit langweiligen. Das Genie trägt seine Form in hohem Maße
in sich; denn es erlebt alles schon in dieser seiner Form. Das Talent
bringt mehr oder minder die Form an die Sachen heran. Aber wir
wollen diese Gedanken nicht weiter ausspinnen und andere — leicht
sich aufdrängende — ganz verschweigen, denn das Prinzip scheint
geklärt: und unsere Formel gestattet seine Abwandlung nach verschie-
densten Dimensionen hin.

Nicht alles, was das künstlerische Schaffen betrifft, konnte hier zur
Sprache kommen. Nur eines strebten wir an: aus dem Wesen der
Kunst das innerste Wesen des Künstlers zu begreifen. Und über
dieses Einzelproblem hinaus hoffen wir Zeugenschaft abgelegt zu haben
für die systematische Einheit der allgemeinen Kunstwissenschaft. Doch
gerade wegen dieser Einheit kann ein Ausschnitt aus ihr auch immer
nur eine relative Abgeschlossenheit zeigen. Ich meine damit nicht so
sehr die dringend erforderliche Ergänzung und Berichtigung durch
weitere Forschung, die die behandelten Fragen immer tiefer und rest-
loser durchdringt, sondern die Tatsache, daß diese Fragen notwendig
auf andere, weitere hinweisen: wie ist die Rolle des Künstlers in der
Entwicklung der Kunst? Ist er — von ihr aus gesehen — nur der
unpersönliche Erfüller ihrer gerade in diesem Zeitpunkt gestellten Auf-
gabe oder der freie Herr, der ihre Bahn bestimmt? Oder wie ist sonst
seine Rolle? Aber diese Frage führt über das Wesen des künstleri-
schen Schaffens hinaus zum Wesen des Stils. Die allgemeine Stil-
wissenschaft — als ein Teil der allgemeinen Kunstwissenschaft —
muß hier die Rede und Antwort geben. Aber auch ihr Untergrund
ist das sichere Wissen um das Wesen der Kunst.
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