Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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BEMERKUNGEN. 45g

menschlichen Geschmack auch in sämtlichen übrigen Beziehungen immer seinen
Siegel auf. Der psychologische Grund aller dieser Erscheinungen liegt in den
immanenten Vorstellungen, mit anderen Worten, in den Vorstellungsdispositionen.
Je mehr sinnverwandte Faktoren die neueintretenden Vorstellungen in unserem Be-
wußtsein finden, desto leichter werden sie sich ihnen angleichen. Und inwiefern
diese Vorstellungen auch die besonderen Eigenschaften der ästhetischen Gefühle
besitzen, insofern wird sich auch die ästhetische Lust leicht entwickeln.

Alle diese Grundsätze, die ich mit dem Assimilationsprinzip in Einklang zu
bringen und auf Grund dessen zu deuten versuchte, sind aus dem Kreise der
ästhetischen Erkenntnis genommen'). Aber man kann ihre Zahl auch aus anderen
Zonen vermehren.

Um mit dem Augenfälligsten anzufangen: der ästhetische Wert des Häßlichen
ruht eben in der Art des Assimilationsprozesses. Die Gefühlswirkung des Häß-
lichen als solchen kann gar nicht angenehm, also auch nicht ästhetisch sein. Nur
mit anderen Bewußtseinselementen assoziiert, kann das Häßliche etwas Ästhetisches
vorbereiten oder selbst steigern. Die ästhetische Wirkung des Häßlichen hängt
ausschließlich davon ab, in welchem Zusammenhang es eingestellt worden ist.
Das Häßliche ist entweder Hintergrund oder Vorbereitung der Schönheitswirkung.
Der Erfolg hängt davon ab, wie es mit den anderen Wirkungselementen ver-
schmelzen kann. Die objektiven Faktoren dieser Wirkung können unter den ästhe-
tischen Eigenschaften des Kunstgegenstandes aufgefunden werden, psychologisch
aber sind auch diese Faktoren unsere Bewußtseinselemente. Also auch diese
Vereinigung ist in dem Bewußtsein ausgeführt worden. Psychologisch betrachtet
geschieht hier nichts anderes, als daß die verschiedenen Elemente, indem sie ein-
ander gegenseitig ausgleichen und hervorheben, endlich in die volle Einheit des
Bewußtseins aufgehen: das Resultat dieses psychologischen Verlaufes ist eben die
ästhetische Lust.

Von den Fechnerschen Prinzipien können hier auch die der ästhetischen
Folge und der ästhetischen Versöhnung zur Illustration dienen. Daß die-
selben Faktoren, in verschiedene Ordnung gestellt, ganz verschiedene Wirkung haben,
ist allgemein bekannt. Wenn ein Redner seelische Kämpfe schildert, aber die Aus-
drücke ohne Rücksicht auf ihr inneres Gewicht wahllos verwendet, so hat die Be-
schreibung keine Wirkung oder eine unangenehme. Wenn dagegen die Ausdrücke
nach ihrem wachsenden Gewicht aufeinander folgen, so schildern sie völlig ent-
wickelte, reife Leidenschaften, die uns mit sich reißen. In umgekehrter Reihe ist
die Wirkung eine entgegengesetzte.

Die ästhetische Versöhnung und Summierung enthält das Prinzip
der Verschmelzung verschiedener, miteinander abwechselnder, angenehmer und
unangenehmer, d. h. schöner und unschöner Elemente. Wir haben schon gesehen,
daß wir in den ästhetischen Erscheinungen öfters verwirrenden, unangenehmen

des Formdurchschnittes oder, wenn ich es so nennen darf, des Formbegriffes ist.
Erschienen im Athenaeum, Zeitschrift für Philosophie und Staatswissensch., Budapest
1914. S. 199.

') Ich habe die Einteilung des so komplizierten und reichen Stoffes der ästhe-
tisch-psychologischen Erfahrung in ästhetische Erkenntnis und ästhetische Gefühle
im engsten Sinne des Wortes versucht. Es gibt natürlich auch noch Unterteile.
(In meiner ungarisch verfaßten Abhandlung: »Das Grundproblem der ästh. Lust«
und auch in dem »Grundproblem der ästh. Lust und die Fechnerschen Prinzipien«,
Sonderabdr. aus dem Alexander-Album.)
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