Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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474 BESPRECHUNGEN.

einzelner kann ein neues Zeitalter nicht heraufführen. Bei der Resignation zu ver-
weilen, war aber Lichtwarks Sache nicht, wenngleich er sie wohl empfunden hat.

Auf unmittelbare Einwirkung war sein ganzes Wesen abgestellt. Theorien,
methodische Voruntersuchungen waren seine Sache nicht. Er griff gleich zu, und
meistens fügten sich die Dinge willig seiner glücklichen Hand. »Auf die philo-
sophische und religiöse Spekulation blickte er mit Achtung, aber von außen her...
stets behielt er den Fuß auf tastbarer Erde.^ Er war Sohn der Bismarckzeit: ein
Deutscher von ausgeprägtem Nationalbewußtsein, Freund der Naturwissenschaft
und der realistischen Kunst. Nicht die Einheit von Prinzipien, sondern die
Einheit einer starken Persönlichkeit hält sein Lebenswerk zusammen. So wie er
die Kunst nicht als etwas für sich Bestehendes, Abseitiges, sondern als ein Produkt
der besten Kräfte der Nation ansah, so war ihm auch nicht die Malerei, oder die
Plastik, oder die Architektur die Kunst. Er liebte alles, was der Kultur diente,
und besonders gern wandte er sich jenen verräterischen Kleinigkeiten zu, an denen
sich Geschmack und Geschmacklosigkeit erproben. Die Kunst ordnete sich für ihn
dem Gesamtleben der Nation unter, sie war ihm etwas anderes als ein Genußobjekt
für einige Auserwählte. Trotz einer eigenwilligen Individualität besaß er den
Instinkt für Einordnung, Form. Wenn er den neuen Typus des Deutschen ent-
wickelte, stellte er den Typus des Offiziers und die Wirkung der allgemeinen Dienst-
pflicht mit in die Reihe der kunsterzieherischen Mächte (Marcks). Konventionen,
sagte er uns einmal, fehlen den Deutschen. Treffend nennt ihn Marcks einen
bürgerlichen Aristokraten. So stark er als Deutscher empfand, auch in der Kunst
(er nannte es wohl einmal eine Schande, daß wir so viele Arbeiten über italienische
Malerei besäßen, aber vom Bamberger Altar noch nichts wüßten) verschloß er sich
vor fremden Vorzügen nicht. Seine Bildung war weltmännisch im besten Sinne
des Wortes.

Alles in allem war Lichtwark ein Erzieher großen Stils. »Die Kunsthalle
muß lehren.« Er sammelte nicht der Bilder wegen. »Durch Anschauung dozieren«
war seine Methode, künstlerisch, sittlich-ästhetisch, volkswirtschaftlich das Ziel.
Die Schule sollte seiner Meinung nach durch den Hinweis auf heimatliche Kunst
und Natur das Selbstbewußtsein, das unsere Weltstellung erfordert, stärken und
bilden. Kunsterziehung war ihm schließlich ein Mittel weitausschauender nationaler
Politik.

»Als wegeweisender, künstlerisch mitschaffender und selbst, d. h. durch die
von ihm geworbenen Freunde — bezahlender Museumsleiter hat er einen neuen
Typus begründet.« Ohne die Agitatorenbegabung Lichtwarks wäre diese Sammlung
nicht entstanden. Er war der geborene Plauderer. Auch seine Vorträge hielt er
am liebsten in der Form einer zwanglosen unmittelbaren Rede. »Ein Plauderer
blieb er auch in Schrift und Druck.« Seine Bücher waren, wie Marcks sagt, ein
Wirkungsmittel in die Ferne.

In der Wahl seiner Künstler war er begrenzt. Am liebsten lud er die Maler
zur Ausführung der Bestellung in seine Stadt. Es war unvermeidlich, daß manche
dieser bestellten Bilder hinter den sonstigen Leistungen des Malers zurückblieben.
An Kalckreuth und Liebermann als Bildnismalern hat Lichtwark nach Marcks An-
sicht geradezu schöpferischen Anteil. Das Wort, das er so gern gebrauchte: es
gibt keine Kunst, es gibt nur Künstler und Kunstwerke, charakterisiert Lichtwarks
Verhältnis zur Kunst besser als alles andere. Man wird nicht irren, wenn man
annimmt, es entsprang einem rein menschlichen Verhältnis zum Künstler. Das
Kunstwerk war für ihn kaum etwas anderes als Dokument einer Persönlichkeit,
eines Temperaments. Er dachte wohl kaum daran, daß man in jedem Kunstwerk
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