Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

griffen den fortbestehenden Zusammenhang mit dem teleologischen Ganzen, hier:
dem System der Paideia im „besten Staat".

Man könnte also meinen, daß der Sinn dieses Begriffes ganz aufgenommen
sei in dem einmaligen historischen Vorgang, der sich seitdem in einer gradlinig
gesteigerten Differenzierung fortgesetzt hat bis zu dem radikalen Autonomiebegriff
Kants und seiner modernen Nachfolger. Dies ist jedoch nur die eine Ansicht
einer viel verwickeiteren Sachlage. Der historisch-einmalige Prozeß der befreienden
Differenzierung und neuen Vereinigung, in welchem sich die aristotelische Philo-
sophie konstituiert hat, ist zugleich das Paradeigma einer allgemeinen Möglichkeit,
die in immer erneuten rückläufigen Bewegungen zu wiederholen ist. Auf das Ge-
biet der Ästhetik angewandt: immer wieder wird die schärfer erfaßte Eigengesetz-
lichkeit des Kunstwerks ihren Sinn aus dem Zusammenhang mit der Ordnung
des kulturellen Lebens überhaupt zu rechtfertigen haben. So sagt Spranger aus
allgemein kulturphilosophischen Erwägungen heraus: „Gewiß hat jedes Gebiet seine
eigene Struktur, sein Eigengesetz; aber nicht im Sinne der restlosen Autonomie.
Sondern jedes muß gemäß seinem Rang und Wert in das Ganze der Sinnordnung
des sittlichen Lebens eingereiht werden, und eben in dieser Verwebung zum Ganzen
endet die Autonomie der einzelnen Geisteszonen"1).

Wir mögen also immerhin von dem Begriff der Katharsis insofern abrücken,
als wir einer anderen, gleichfalls aus der antiken Philosophie stammenden ästheti-
schen Denkrichtung folgen, die statt der Wirkung die objektive Form des ästhe-
tischen Gebildes untersucht: in jedem Fall bezeichnet er, indem er an einem
bestimmten Punkt die Beziehung zwischen Kunstwerk und sittlichem Wert fest-
zulegen versucht, ein dem ästhetischen Denken gegenwärtiges und dringliches
Problem. Seine Dringlichkeit aber wird nirgends deutlicher als dort, wo das Ver-
stehen des Kunstwerks seine geschichtlichen Beziehungen miterfassen will.

Der Begriff des Klassischen in der antiken Kunst.

Von

Friedrich Matz.

Das Fortschreiten der antiken Kunstgeschichte seit ihrer Begründung durch
Winckelmann stellt sich heute in erster Linie dar als eine ungeheure Vermehrung
des Stoffes und als eine aufs engste damit zusammenhängende, sich immer
steigernde Differenzierung des ursprünglich sehr einfachen Bildes. Die ideen-
geschichtliche Bearbeitung dieser Dinge hat nur langsam damit Schritt gehalten.
Es kennzeichnet die gegenwärtige Lage, daß über einen so zentralen Begriff, wie
es der des Klassischen ist, weder nach seiner praktischen, d. i. rein historischen,
noch nach seiner theoretischen, rein kunstwissenschaftlichen Seite hin bisher eine Ver-
ständigung erzielt worden ist. In der Beurteilung Lysipps findet das seinen beson-
ders sinnfälligen Ausdruck. Während er für die einen am Beginn des Hellenismus
steht, sehen andere in ihm erst die Vollendung und den Gipfel der Klassik. Auf
den benachbarten Gebieten der neueren Kunstwissenschaft und der deutschen
Literaturgeschichte läßt sich ein solcher Fall nicht denken. Durch Arbeiten wie die
von Wölfflin, Cassirer, Strich sind die Ideen hier in weit höherem Maße einer
Klärung entgegengeführt.

i) Das deutsche Bildungsideal in geschichtsphilosophischer Beleuchtung. Er-
ziehung, 1926, I, 482.
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