Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

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Mit umso größerer Freude ist daher der Versuch Gerhart Rodenwaldts in
seiner eben erschienenen Geschichte der Antiken Kunst zu begrüßen (Propyläen-
Kunstgeschichte III 1927), eine scharfe und knappe Definition des Klassischen auf-
zustellen und daran nun gewissermaßen die ganze Darstellung zu orientieren. Erst
eine so klare und mutige Formulierung dessen, worauf es ankommt, gibt die Mög-
lichkeit zu einer aussichtsreichen Diskussion über diese Dinge. Immerhin, der
knappe vorhandene Raum und der besondere Charakter des Buches, das sich an
einen großen Leserkreis wendet und daher mit Recht einer eingehenden Erörterung
der vorliegenden Problematik aus dem Wege geht, würden eine solche Diskussion
bedenklich erscheinen lassen, wenn nicht der Verfasser in einer besonderen Studie
über „Die begriffliche und geschichtliche Bedeutung des Klassischen in der bildenden
Kunst", die bereits vor 10 Jahren, noch mitten im Kriege, in dieser Zeitschrift
erschien, die Anschauungen, die er jetzt in der Praxis historischer Darstellung
durchführt, theoretisch eingehend begründet hätte.

Rodenwaldts Ausführungen haben bereits damals sofort entschiedenen Wider-
spruch gefunden (v. Salis, Die Kunst der Griechen. 191S. S. 78), indes ohne daß
dem eine eingehende Begründung gegeben wäre. Es ist aber so, daß jede Erörte-
rung hierüber heute, auch wenn sie mit jenen Anschauungen im Ganzen oder teil-
weise nicht einverstanden ist, sich zunächst mit ihnen auseinandersetzen muß, wenn
nicht die Möglichkeit einer allgemeinen Verständigung wieder in Frage gestellt
werden soll. Diese Tatsache, zugleich die Überzeugung, daß allerdings in sehr
-wesentlichen Voraussetzungen Rodenwaldt den Kern der Sache getroffen hat, ver-
anlassen mich, bei dem Versuch, eine neue und, wie mir scheinen will, mit dem
gegenwärtigen Stande der allgemeinen Kunstwissenschaft in engerer Fühlung
stehende Lösung hier vorzuschlagen, von seinen Gedankengängen auszugehen und
auf ihnen weiferzubauen.

Als Definition des Klassischen hat sich für Rodenwaldt eine ganz einfache
Formel ergeben, die, wenn man sie unterschreiben könnte, von geradezu erlösender
Wirkung sein müßte: „Klassisch ist ein Kunstwerk, das vollkommen stilisiert ist,
ohne von der Natur abzuweichen, sodaß dem Bedürfnis nach Nachahmung und
Stilisierung in gleicher Weise Genüge getan ist", heißt es in der grundlegenden
Studie (Zts. f. Ästh. XI, S. 125), und dem entspricht die Feststellung in der Pro-.
pyläen-Kunstgeschichte (S. 33), daß „die geschichtliche und wahrscheinlich auch die
absolute Macht des Klassischen in der Übereinstimmung des Kunstwerkes mit der
Wirklichkeit beruht." Die Überzeugung, „daß eine kritische Geschichtswissenschaft
nie ganz auf ein Werturteil verzichten kann", und daß es daher „objektive Merk-
male des Kunstwerks zu finden gilt, die der Beurteilung und Vergleichung zu-
gänglich sind" (Zts. f. Ästh. XI, S. 113), liegt als wesentlichste Voraussetzung
diesem Ergebnis zugrunde.

Diese letztere grundsätzliche Einstellung verdient in der Tat uneingeschränkte
Billigung. Die Zeiten des schrankenlosen Relativismus liegen auch in der Kunst-
kritik hinter uns. Es war ein Durchgangsstadium, vielleicht notwendig und jeden-
falls für einen gewissen Zeitraum vor dem großen Kriege sehr charakteristisch.
Aber das Unproduktive dieser Haltung ist mittlerweile nur allzu klar in die
Erscheinung getreten. — Auch der Begriff der Harmonie, der ausgeglichenen Span-
nung zwischen zwei Gegensätzen, wird in keiner Definition des Klassischen fehlen
dürfen. Die Rechnung scheint also glatt aufzugehen, — und doch ergeben sich,
wenn man diesen Gedanken weiter folgt, unannehmbare Konsequenzen.

Sobald man nämlich den Versuch macht, mit dem so gewonnenen Maßstab
praktisch zu arbeiten, erweitert sich der Bereich der klassischen Kunst über die
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