Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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II.

Bindung und Freiheit
in Dehmels Theorie der lyrischen Sprache.

Von
Kurt Oppert.

Dehmels Äußerungen zur lyrischen Sprache, obwohl über ein Viertel-
jahrhundert verstreut (etwa 1890—1915), sind doch im wesentlichen
einheitlicher Natur. Diese Tatsache erlaubt es, unmittelbar aus Dehmels
eigenen zahlreichen Beiträgen, ohne den Umweg über seine dichterische
Praxis, eine geschlossene Theorie von der Sprache der Gedichte aufzu-
bauen. Wenn es trotzdem nicht geringe Mühe gekostet hat, grundsätz-
lich Dehmel selber das Wort zu lassen, so lag das nicht an irgendwel-
chen Widersprüchen, sondern an der allzu gelegentlichen Natur seiner
Äußerungen, die zu unserem Zwecke vielfach auseinandergetrennt und
zu neuer Ordnung zusammengefügt werden mußten. Benutzt wurden
eine Fülle von Briefen, teils nach der gedruckten Sammlung (zitiert
mit bloßem Datum), teils aus den Originalen (ungedruckte Briefe an
Falke, mit F bezeichnet), wenige Stellen auch nach der Wiedergabe in
Falkes Roman „Die Stadt mit den goldenen Türmen" (St); unter den
Abhandlungen vor allem der Aufsatz „Licentia poetica" (Lp, aus dem
Band „Betrachtungen"), der, in gar zu lockerer Form abgefaßt (als
Unterhaltung des Dichters mit einer jungen Dame), zwar Wesentliches,
keinesfalls aber die restlose Zusammenfassung von Dehmels Sprach-
anschauungen bietet.

Nach ausführlicher Darlegung des eigentümlich Dehmeischen Prin-
zips, das eine Synthese von Bindung und Freiheit erstrebt, wird versucht,
den Stilcharakter von Dehmels Gedichten, insofern sie der Theorie ent-
sprechen, knapp zu umreißen.

Freiheit und Bindung, „dichterische Freiheit", mit Fremdnamen
„poetische Lizenz", und „gebundene Form" — um diese Begriffe lassen
sich Dehmels Auseinandersetzungen gruppieren.

Als poetische Lizenzen im Sinne Dehmels haben Verstöße gegen die
natürliche deutsche Sprachübung zu gelten, wie sie durchweg von Schwie-
rigkeiten bei der Anwendung dichterischer Formen diktiert sind; nicht
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