Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

den noch zu Beginn des Impressionismus offiziellen Akademismus. Hierdurch wird
die Tendenz des Impressionismus dazu bestimmt, in ihr Kunstbereich neue Themen
aufzunehmen, die der Akademismus noch nicht anerkennt, beziehungsweise eine
neue Art, die alten Themen zu behandeln. Ihre neuen Themen suchen die Impres-
sionisten im gewöhnlichen Leben. Während für die Akademiker die Frau mehr
oder weniger antike Heroine sein mußte, kann sie für die Impressionisten das erste
beste Modell sein. Während bei den Akademikern das psychologische Motiv ein
Gefühlszustand sein mußte, der über die Sphäre des Alltäglichen hinausging und
die Grenze des Pathetischen überschritt, nahmen die Impressionisten ihre psycho-
logischen Motive gerade aus dem anspruchslosen Alltag, indem sie aus dem ruhigen
passiven Durchschnittsdasein die psychologische Quintessenz zu gewinnen suchten.
Und während schließlich die Akademiker symbolische Menschen vor einem Hinter-
grund bedeutungsarmer anderer Erscheinungen aufstellten, gaben die Impressionisten
alle Erscheinungen gleichwertig wieder, also Landschaften, Interieurs usw. ebenso
wie Menschen; sie vernichteten damit die Vorzugsstellung des Menschen im Bilde,
vernichteten den klassischen Anthropozentrismus, indem sie alle Motive gleichwertig
in ihre Rechte einsetzten. Wenn man die Sache vom historischen Standpunkt aus
betrachtet, so hatten die Impressionisten also das Recht, sich Realisten zu nennen —
wobei das Vorrecht, den Realismus zuerst im XIX. Jahrhundert eingeführt zu haben,
natürlich der Schule von Barbizon gebührt. Sie hatten dazu dasselbe Recht, wie
z. B. das italienische Quattrocento im Verhältnis zum Trecento, und sie können für
uns ebenso bedingt Realisten bleiben, wie z. B. Masaccio oder Castagno. Das im-
pressionistische System an sich erscheint uns jedoch heute keineswegs als das dem
Realismus am nächsten stehende, wie bereits ausgeführt wurde.

Mit diesen Bemerkungen über den Impressionismus, die übrigens nur ein Aus-
schnitt aus einer größeren Arbeit sind, wollten wir keineswegs das Verhältnis des
Impressionismus zur Kunst der Gegenwart in seiner Gesamtheit behandeln. Es war
uns nur darum zu tun, den Impressionismus als Phänomen möglichst unparteiisch
zu betrachten. Eine möglichst objektive Umwertung erscheint uns notwendig, nicht
nur zum Verständnis seiner historischen Bedeutung, sondern auch zum Verständnis
des Anteils, den er am Entstehen der neuesten Richtungen in der Malerei hatte.
Und diesen Anteil des Impressionismus am Werden der neuen Kunst halten wir
für wesentlicher und bedeutungsvoller, als man bei oberflächlicher Einschätzung
annimmt.

Gedanken über die zeitgenössische Baukunst.

Von

Dolf Sternberge r.

Ein Versuch, über Zeitgenössisches zu sprechen, ist heute einer großen Gefahr
ausgesetzt. Der Gefahr, Gegenwart als Verlängerung der Geschichte zu verstehen,
und das Zeitgenössische als ein Neues, „Individuelles" im Sinne der Geschichts-
theorie: vorhanden, in sich selbst gründend, ohne über sich hinauszuweisen, eigent-
lich nur noch betracht- und beschreibbar. Als gegenwärtige Menschen jedoch sind
wir nicht in einer Gestalt, dem Ganzen einer Ausdruckswelt — sei es auch die „un-
serer Zeit" oder „unserer Generation" — einbezogen, die neben anderen Welten
stehend, nur wie zufällig gerade gegenwärtig hieße; wir verstehen uns als Gegen-
wärtige vielmehr gegenwärtig in einer Situation. Damit ist etwas bezeichnet,
was es in der ganzen angeschauten Geschichte nicht gibt, und was darum jeder
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