Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

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zu verkennen, wie Kant die Gedanken schuf. Ist Subsumtion das logische Wesen
seiner Methode, so ist Erzeugung aus den sinnlichen Gründen seiner eignen Natur
das Wesen seiner philosophischen Sätze.

Die aristotelische Katharsis als Problem der neueren Aesthetik.

Von

Helmut Kuhn.

Die Deutung des aristotelischen Terminus „Katharsis" in der berühmten Defi-
nition der Tragödie (Poetik 1449 b) ist ein merkwürdiges Beispiel dafür, wie
Voraussetzungen allgemeiner Art und systematische Interessen die Textinterpretation
teils befruchten, teils ablenken und jedenfalls nirgends von ihr zu trennen sind.
Die vollständige Aufrollung der Akten dieser Deutungsgeschichte könnte nur inner-
halb einer Geschichte der antiken Poetik in der Neuzeit erfolgen. Hier sollen nur
einige charakteristische Punkte herausgehoben werden, wie sie sich innerhalb der
Entwicklung der Kunsttheorie d. h. zugleich innerhalb der Geistesgeschichte dar-
stellen. Dies soll uns endlich zu der Frage führen, was dieser Begriff etwa dem
gegenwärtigen ästhetischen Denken zu sagen hat.

Die Deutung ist im ersten Abschnitt ihrer Geschichte, der von der Renaissance
bis tief in das 18. Jahrhundert hineinreicht, abgesehen von dem gelehrten Interesse
wichtig für die Poetik als eine praktische Lehrüberlieferung. D. h. man sucht in der
Schrift des Aristoteles Regeln, die sowohl auf die Auslegung von Dichtungen An-
wendung finden als auch bei der Produktion zur Vorschrift dienen können. Die
Bedeutung dieser Regeln beruht also auf ihrem Zusammenhang mit der klassizisti-
schen Formtradition.

Mit der technischen verbindet sich gewöhnlich eine apologetische Absicht. Die
neue Kunstübung hat sich gegen das religiös-moralische und soziale System des
Mittelalters und gegen die Feindseligkeit des Protestantismus durch Behauptung
ihres praktischen Wertes zu rechtfertigen. In diesem Zusammenhang gewinnt der
Katharsis-Begriff seine allgemeinere Bedeutung, die ihn aus den gelehrten Kommen-
taren in die Poetiken und Vorreden überdringen läßt. Er reiht sich ein in die Serie
jener immer wiederkehrenden Motive, welche die Apologie der Dichtkunst als eine
bestimmte literarische Tradition kennzeichnen, von der Antike durch das Mittelalter
hindurch bis auf Sidney, Alilfon und Schiller reichend1). Überdies ist man sich
bisweilen bewußt, daß Aristoteles selbst den Katharsis-Begriff als Apologet der
Dichtkunst gegenüber ihrer Verwerfung durch Plato gefunden hatte, daß also die
praktische Verwendung im Sinn der Quelle selbst lag.

Wenn wir, wie es durch unsere Absicht gefordert ist, unter Absehung von Ein-
zelheiten der Interpretation eine allgemeine Kennzeichnung versuchen, so dürfen
wir sagen, daß in der Auffassung der Katharsis bis auf Lessing die stoisch-christ-
liche Deutung herrschte. Innerhalb dieser Deutung kamen vor allem drei verschie-
dene Gesichtspunkte zur Geltung: die abhärtende Gewöhnung, die philosophische
Beruhigung, die praktische Witzigung.

Der erste Gesichtspunkt ist der allgemeinste und findet sich schon bei den alten
italienischen Interpreten, z. B. bei Castelvetro-) und noch am Ende des 18. Jahr-

J) Vgl. C. Borinski, Die Antike in Poetik und Kunsttheorie, I 1914, II 1924. —
Voigt, Wiederbelebung des klass. Altertums, 1899 II, 165.

2) Vgl. A. Döring, Die Kunstlehre des Aristoteles, 1876, S. 267.
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