Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

Page: 197
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1929/0211
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Besprechungen.

L. Levy-Bruhl: Die geistige Welt der Primitiven. (Deutsche
Übersetzung von Margarete Hamburger.) F. Bruckmann, A.-G., München
o. J. 1927.

Die vorliegende deutsche Übersetzung des 1922 erschienenen französischen Ori-
ginals gibt hoffentlich weiteren Kreisen Deutschlands Anlaß, sich mit dem hier be-
handelten Gegenstand zu beschäftigen. Sowohl der Gegenstand wie die Art seiner
Behandlung verdienen ein solches Schicksal. Längst ist man bekanntlich von der
Anschauung abgekommen, die Welt der Naturvölker bedeute lediglich einen Inbegriff
von Wildheit, Roheit und Sinnlosigkeit; und ebenso auch von der anderen Auffas-
sung, die primitiven Kulturen stellten, verglichen mit der unsrigen, eine niedrige
Stufe der Entwicklung dar, enthielten also einfach, verglichen mit uns, ein Weniger
an Gesittung. Vielmehr sind die Gedanken der Individualität und Wertrelativität
auch hier zur Geltung gekommen: die primitiven Gesittungen sind eigenartige
Blüten am Baume der Menschheit, die vermöge ihrer arteignen Individualitäten und
ihres jeweiligen spezifischen Wertgehaltes ein Studium lohnen. Besonders der pri-
mitiven Kunst gegenüber ist uns diese Haltung heute vertraut. Daß auch auf andern
Gebieten dasselbe gilt, zeigt das vorliegende Buch. Als Beispiel seien die Erörte-
rungen über den Traum (3. Kap.) herausgegriffen: der Traum wird bei den Pri-
mitiven durchweg als real behandelt und sein Inhalt in den Zusammenhang
des wachen Lebens hineingenommen. Wie ist es möglich, daß aus dieser Verbin-
dung des Ungleichartigen kein Chaos entsteht? Es ist das nur zu verstehen durch
die Voraussetzung, daß der Inhalt der beachteten Träume nichts Zufälliges ist, son-
dern mit dem wachen Leben seinerseits in Zusammenhang steht. Unter dieser Vor-
aussetzung aber erweist sich der Traum, wie man aus zahlreichen Beispielen des
Verfassers entnehmen kann (der übrigens seinerseits dem hier angedeuteten Ge-
danken nicht nachgegangen ist), als ein ausgezeichneter Regulator der sozialen Be-
ziehungen, indem durch ihn unterbewußte Eindrücke des wachen Lebens, wie z. B.
drohender Ehebruch oder sonstige böswillige Absicht, ins Bewußtsein gehoben und
dadurch zur sozialen Geltung im Sinne einer" vorbeugenden Wirkung gegenüber
drohenden Störungen gebracht werden. Was also auf den ersten Blick als eine
Sinnlosigkeit und ein schwerer Mangel erscheint, erweist sich so bei näherer Be-
trachtung als ein sinnvoller Regulator der gesellschaftlichen Ordnung, dem wir
nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen haben.

Der Begriff der „Primitiven" ist vom Verfasser im Sinne eines Idealtypus ver-
wendet worden. Der Frage nach seiner Abgrenzung und dem Grade seiner Geltung
gegenüber verschiedenen Völkern ist er dadurch aus dem Wege gegangen. Dem
darin enthaltenen Mangel steht ein Gewinn an systematischer Einheit gegenüber,
wie er mit diesem Verfahren verbunden ist. — Zwei Gedanken beherrschen dieses
wie das frühere Buch des Verfassers (beide übrigens bei den deutschen Fach-
männern zu der gleichen Zeit ebenfalls schon bekannt): derjenige vom komplexen
Charakter des primitiven Seelenlebens und derjenige vom Ineinanderfließen der sub-
jektiven und objektiven Welt bei ihm. Die beiden damit gemeinten Tatbestände
loading ...