Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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Bemerkungen.

Begriff und Anfänge des dramatischen „Handelns".

Von

Robert Petsch.

Friedrich Nietzsche hat sich im „Fall Wagner", vielleicht nicht als erster, aber
am kräftigsten mit dem alten Wahn auseinandergesetzt, der „das Wort Drama
immer mit >Handlung« übersetzt"; das griechische Drama strebe jedenfalls nicht
nach „Handlung", sondern nach „großen Pathosszenen"; schließe es doch „gerade
die Handlung aus, verlege sie vor den Anfang oder hinter die Szene". Nietzsches
Warnung blieb lange ungehört; noch heute schleppt sich die falsche Auffassung des
Dramas als Handlung als „ein wahres Unglück für die Ästhetik" von Lehrbuch zu
Lehrbuch, von Kolleg zu Kolleg, wird durch Schule und Presse verbreitet und be-
hindert eine unbefangene Blickstellung für das wirkliche Wesen der Dichtungs-
gattung. Noch immer müssen unsere Schüler Inhaltsangaben von Dramen machen
oder den „Gang der Handlung" einzelner Akte „angeben", noch immer glaubt „der
gebildete Mann" sich im sicheren Besitz der „Dramen der Weltliteratur", wenn ihm
schwarz auf weiß in raschen Auszügen erzählt wird, was in den Stücken „vor-
kommt". Die ästhetisch gefährliche Wirkung der alten Irrlehre (an der Aristoteles
nicht schuld ist) besteht darin, daß die künstlerische Lebensgestaltung des Dra-
mas episch erfaßt wird, als ein in der Zeit und in angemessener Entfernung von uns
sich abspielendes Geschehen, dessen einzelne Teile einander wesentlich gleichwertig
sind und dessen eigentliches Wesen, abgesehen von gelegentlichen Durchblicken auf
tiefere Gründe des Lebens, doch in der Hauptsache sich im Vordergrunde entfaltet.
Die Überschätzung der „Handlung" setzt voraus, daß der „ideale Nexus", um mit
Otto Ludwig zu reden, ziemlich restlos mit dem „pragmatischen" zusammenfällt, —
was nicht einmal der Idee des Dramas entspricht. Denn gerade das ewige Wider-
spiel zwischen den verschiedenen Verkettungen und den mannigfachen Auswirkungen
des Geschehens bringt die eigentlich dramatische Wirkung hervor. Dieses ewige
In- und Durcheinander offener und versteckter, tatsächlicher, stimmungsmäßiger
oder rein geistiger Beziehungen zwischen den verschiedenen Schichten und Gründen
des Lebens, dieses dynamische Gewirr der Fäden, das sich schließlich doch zu einem
rings um uns her gelagerten, sphärisch-ausgetieften und abgerundeten Kosmos zu
ordnen und in jedem Augenblick sich neu zu erzeugen scheint, das zerrinnt uns
zwischen den Händen, wenn wir das Drama in die Fläche der erzählbaren Hand-
lung zwängen wollen. Was hat die „Handlung" des „Hamlet" mit der „Tragödie
Hamlet" zu tun? Sehr wenig. Im wesentlichen ist sie technischer Behelf, der sich
unter Umständen breit macht und die rein dramatische Gestaltung dann eher hemmt
als fördert.

Gewiß darf dieser Fall nicht verallgemeinert werden. An sich kann das dra-
matische Erlebnis auch sehr wohl aus der künstlerischen Darstellung einer in sich
geschlossenen Willens- oder Zielhandlung im engern Sinne des Wortes hervorgehen.
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