Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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die neue problemlage in der ästhetik. 317

kommenes, ein Wertindifferentes oder gar Wertloses ist, ein Etwas, das
so, wie es ist, lieber gar nicht sein sollte, oder ein Etwas, das, wenn es
schon ist, lieber anders, lieber besser sein sollte. Ich meine dies im ana-
logen, wenn auch strikte entgegengesetzten Sinne, wie die berühmte Stelle
in Dostojewskis „Karamasows" gemeint ist, wo das Nichtsein Gottes und
damit die Unvollkommenheit und Sinnlosigkeit der gesamten Welt
aus der puren Tatsache der Mißhandlung eines einzigen unschuldigen
Kindes gefolgert wird: Wenn dies Eine möglich ist, dann hat das
ganze Dasein keinen Sinn. Ich sage umgekehrt: Wer auch nur ein
einziges Mal Schönheit adäquat erfaßt hat, der hat eine absolute Voll-
kommenheit erfaßt, die derart ins Zentrum und in die Wurzel des t o t a -
1 e n Daseins hinabreicht, daß aller Unwert fragwürdig wird. Wo dieses
Eine Tatsache ist, da kann Unwert, da kann real daseiende Unvollkommen-
heit gar nicht möglich sein. Das Dasein selbst ist gerechtfertigt in seiner
Gänze und ruft die Philosophie dazu auf, den entgegenstehenden Schein
der Daseinsunvollkommenheit als bloßen Schein zu entlarven. (Selbst-
verständlich gilt das Gleiche auch von der adäquaten Erfassung jedes
anderen absoluten Wertes, also etwa eines Einzelfalls sittlicher Güte.)

Durch diese einer wissenschaftlichen AuseinamE-
nend sehr unangemessenen Ausführungen soll folg §"„
macht werden: Man hat das eigentliche Wertphäno ^ SgjjSS;
ästhetische, überhaupt noch gar nicht zu Gesicht bekoE-^ ^Jl^
es theoretisch in einer Fläche mit Wertindifferentem =j_r
nen glaubt, nämlich so, daß man in einer Deskriptic EL B
Werte als spezifische Bestimmtheiten neben andere |_r
einanderreiht und jene mit diesen in verständliche i=_ |
bringen versucht. Das Wertphänomen sprengt die C |_? ß
fischen Bestimmtheiten und gibt sich seiner adäquatei = ^
i m m a n e n t e S i n n d e s p u r e n D a s e i n s s e |"m f"\ ^
der sich wohl an spezifischen Bestimmtheiten als das =~" cc
liehen Seins realisiert, nicht aber selbst wieder nur i=" "q
anderen Bestimmtheiten unterschiedenes Was ist. ET5 ^

2. Die philosophischen Probleme d|"N ^ |

So dürfte deutlich geworden sein, daß Ästhetik, = f \ $

eigentümlichen Gegenstand — den ästhetischen W e r E ^ ^
nicht verfehlen will, nur als Teildisziplin einer Wisse =~~

die sich nicht ein spezifisches Wassein zum Problem «ET (De
die alle spezifischen Wesensgebiete überschreitenden M §
selbst, also der Metaphysik. Damit ist die ÄsiE

Entwicklung bedingt von der Entwicklung der Phil E-2' q^J
neuen Problemlage der gegenwärtigen Ästhetik kai=L

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