Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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Vom Organismus unserer Kunstwelt.

Von

August Schmarsow.

Ernst Cassirer hat in seiner Abhandlung „Sprache und Mythos"
(Studien der Bibliothek Warburg 1925), die mir erst jetzt zu Gesicht
kommt, vielleicht ohne es selbst zu wissen oder im Gedächtnis zu haben,
eine so grundlegende Bestätigung meiner Lehre von der Verwandtschaft
und dem Wechselverhältnis aller vom Menschen ausgebildeten Künste
gegeben, daß ich nichts Besseres tun kann, als solch Zeugnis für die
Richtigkeit meines Verfahrens in dieser Zeitschrift vollständig vorzu-
legen, mit der Hoffnung, hier werde es auch meinen Fachgenossen von
der Kunstwissenschaft die Augen öffnen. Der Philosoph nimmt seinen
Ausgangspunkt sogar, ebenso wie ich, von Kants sogenannter Koperni-
kanischer Drehung. (Vgl.: Das Wesen der architektonischen Schöpfung,
Leipzig 1893, — Beiträge zur Ästhetik der Bildenden Künste 1895—99,
Unser Verhältnis zu den Bildenden Künsten 1903, Grundbegriffe der
Kunstwissenschaft 1905.)

„Statt den Gehalt, den Sinn, die Wahrheit der geistigen Formen an
etwas Anderm zu messen, das sich in ihnen mittelbar abspiegelt, müssen
wir in diesen Formen selber den Maßstab und das Kriterium ihrer Wahr-
heit, ihrer innern Bedeutsamkeit entdecken. Statt sie als bloße Nachbilder
zu verstehen, müssen wir in jeder eine spontane Regel der Erzeugung
erkennen, — eine ursprüngliche Weise und Richtung des Gestaltens, die
mehr ist als das bloße Abbild von etwas, das uns von vornherein in fester
Seinsgestalt gegeben ist. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird
der Mythos, wird die Kunst, werden die Sprache und die Erkenntnis zu
Symbolen: nicht in dem Sinne, daß sie ein vorhandenes Wirkliches
in der Form des Bildes, der hindeutenden und ausdeutenden Allegorie
bezeichnen, sondern in dem Sinne, daß jede von ihnen eine eigene Welt
des Sinnes erschafft und aus sich hervorgehen läßt. In ihnen stellt sich
die Selbstentfaltung des Geistes dar, kraft deren es für ihn allein eine
„Wirklichkeit", ein bestimmtes und gegliedertes Sein gibt. Nicht Nach-
ahmungen dieser Wirklichkeit, sondern Organe derselben sind jetzt die
einzelnen symbolischen Formen, sofern nur durch sie die Wirklichkeit

Zeilschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXIII. 14
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