Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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I.

Von der Farbe in der Baukunst.

Von
Paul Klopfer.

*

Die Lust, die Häuser farbig zu halten, sei es durch die Wahl farbigen
Baumaterials oder durch farbigen Putz oder endlich durch farbigen An-
strich des Putzes oder Steines, darf nicht als eine Mode angesehen
werden, wenigstens nicht in dem Sinne, in dem wir gemeinhin das Wort
„Mode" verstehen: als etwas Launisches, schnell Kommendes und schnell
wieder Schwindendes, um einem Neuen Platz zu machen. Dies wäre ja
auch ein Widerspruch zu der Erscheinung selbst, die mindestens jahr-
zehntelang oder je nach dem Farbmaterial noch länger erhalten bleibt
und über den Begriffen des „Nur-kunstgewerblichen" schon als ein inte-
grierender Bestandteil der Baukunst von vornherein gilt.

Nein — die Freude an der Farbigkeit — ich meine nicht Buntheit —
sitzt in uns Menschen von heute tiefer; es ist unrichtig, zu behaupten, daß
die Farben, besonders die Grundfarben, nur von „Kulturtieferstehenden"
gewählt und geliebt würden1). Der Schluß von der Farbe auf das Kul-
turniveau ist von vornherein verfehlt, solange wir subjektiv, also von
unserm Zeitgeschmack aus urteilen, er gewinnt erst dann Berechtigung,
wenn wir bei unserm Kalkül die Weltanschauung, die Zeitgesinnung, wie
sie Frankl nennt, berücksichtigen, welche der betreffenden Kultur jeweils
zugrundeliegt und mit dieser Kultur sich entwickelt, reift und welkt.

Sehen wir zu:

Die klassischen Griechen wählten für die Bemalung ihrer Tem-
pel fast durchweg einfache, starke Grundfarben. Gottfried Sem-
per hat bei seinem Aufenthalt in Athen an den äußeren Wänden des
nördlichen Flügels der Propyläen blaue Farbe — im Innern wurde
keine Farbe gefunden — festgestellt; er erläutert eingehend in seinen
Schlußbemerkungen zum ersten Bande des „S t i 1" das Wesen dieser und

J) So las ich kürzlich ein Zitat von Qrant Allan (Der Farbensinn, Leipzig
1880): „Während der Urmensch für einen stechenden und glänzenden Reiz seiner ur-
sprünglichen Farben in ihrer ganzen vollen Leuchtkraft besorgt ist, und ihren dunk-
leren Schattierungen oder matteren Mischungen weniger Beachtung schenkt, lernte
der ästhetisch Gebildete das feinere Wohlgefallen kennen und würdigen, das jenen
schwächeren und zarten Reizen entspricht."

Zeiischr. f. Ästhetik u. alle. Kunstwissenschaft. XXIII. 1
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