Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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Besprechungen.

Goethes Werke, Festausgabe zum hundertjährigen Be-
stehen des Bibliographischen Instituts 1 82 6—1 9 2 6. Im
Verein mit F. Bergemann, A. E. Boucke, M. Hecker, R. Richter, J. Wahle,
O. Walzel, R. Weber herausgegeben von Robert P e t s c h, Leipzig, Biblio-
graphisches Institut. 18 Bände.

So oft ich in Weimar Goethes Haus durchwanderte — noch jedes Mal habe
ich in tiefster Erschütterung von ihm Abschied genommen. Welche unvergleich-
liche Lebenserscheinung war doch dieser Mann! Als junger Mensch glaubt man
wohl, in der zeitlichen Ausdehnung des Lebens und in der Gunst des Schicksals
eine Erklärung für die Fülle der Leistung zu sehen, aber je älter man wird, desto
ferner rückt diese Betrachtungsweise. Es bleibt ehrfürchtiges Staunen. So auch
nach dem Durchblättern der hier vorliegenden neuen Ausgabe des Schriftwerks.
Zugleich entsteht eine lebhafte Freude über die Tätigkeit des Herausgebers und
seiner Mitarbeiter.

Der Herausgeber, Robert Petsch, schildert Goethes Lebensgang in seiner
„oft wahrhaft dämonischen Folgerichtigkeit" und lenkt dabei den Leser immer wie-
der auf das Wesentliche, nämlich auf den Rhythmus, der zur Welt hinausführt
und zur Innerlichkeit zurückführt. Goethes Ziel war die Bildung der eigenen Per-
son bis zum höchsten Dasein. Diesem Ziel wurden auch die begegnenden Men-
schen untergeordnet: aus ihnen hat Goethe stets neue Kräfte für sich selbst ge-
wonnen und von ihnen hat er sich unbekümmert abgewandt, wenn sein Daimonion
es ihm riet. Daher wurde er kalt gegen jeden, der ihn „in seinem ununterbrochenen
und unter heftigen Widersprüchen sich betätigenden Vorwärtsschreiten hemmen
wollte". Der Alternde „sieht in seiner eigenen Entwicklung die eines exemplarischen
Menschen, zu dem er sich bewußt erzogen hatte ..." Das ist gewiß Wahrheit,
aber es scheint mir nicht die volle Wahrheit. Denn Goethe besaß einen Zug zum
Epikureismus, zum bedenkenlosen Genießen hoher wie niederer Freuden. Im Grunde
war er ein charismatischer Mensch, allerdings von besonderer Art: er gewann die
Regel seines Lebens — nach oben wie nach unten — aus individueller Gesetzlich-
keit, anstatt sie geltenden Vorschriften zu entnehmen. Die Werte, die aus ihm
stammten und nur an ihm möglich waren, sollten emporgetrieben werden, während
sonst die geistigen Menschen ihren Stolz darein setzen, selbstlos einer Sache zu
dienen, gültige Wahrheiten anzuerkennen und verbindliche Forderungen zu er-
füllen. Goethe verstand sich auf zwei Künste, die selten von demselben Menschen
beherrscht werden: Triebhaftes zu veredeln und dann doch wieder in der Ursprüng-
lichkeit sich auswirken zu lassen. Die meisten Menschen spüren ja überhaupt nichts
von einem Kampf zwischen dem Naturhaften und dem Geistigen, manche gehen
dem Streit aus dem Weg, indem sie zeitlich zwischen dem einen und dem andern
wechseln, wenige wissen den Gegensatz zu überwinden. Goethe hat es vermocht,
nicht ohne Zwiespalt, nicht ohne Leiden, immerhin mit nie erlöschendem Zutrauen
zur Lust des Daseins. Das darf nicht wegidealisiert werden.

Im Verfolg seiner Einleitung kommt Petsch auf zwei heikle Fragen zu spre-
chen: die Frage nach Goethes Religiosität und nach seinem Verhältnis zur Gemein-
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