Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

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gäbe erst hinter der Fassade begann — mangelhaft gelöst zu werden. — Wir haben
in der Rezeption der neuen Architektur durch die unbeteiligte Oberschicht, deren
Voraussein in der kulturellen Entwicklung hier eine Grenze gesetzt ist, direkt vor
Augen, wie eine Stilanschauung wird: Die neue Baukunst erscheint von da aus
gesehen als ein Stil neben andern Stilen, wenn sie überhaupt akzeptiert wird, —
ein Stil, dem man auch „gewisse ästhetische Reize" abgewinnen kann, der ja —
man ist mit Adjektivserien und historischen Parallelen schnell bei der Hand —
in der „Einfachheit der Linien" klassizistische oder antike Bauideale zu erneuern
scheint, der sogar „der Stil unserer Zeit" sein mag, weil man jetzt wieder mehr in
dieser Richtung empfindet, von dem also alles eingesehen wird, nur nicht seine
unbedingte Notwendigkeit. Diese genießende Rezeption von oben her hat ihre
Sicherung wiederum in der Geschichte der Ästhetik selbst, deren Grundbegriffe fast
ausschließlich von der genießenden Kunstbetrachtung aus bestimmt worden sind.

Ich zitiere zwei prägnante Formulierungen der Sprengung des Stilwillens im
zeitgenössischen Bauwillen: Werner Gräff (im Sammelband der Stuttgarter
Ausstellung „Die Wohnung", Einleitung): „Die neue Baukunst ist — soweit ihre
besten Äußerungen in Frage kommen — in dem Streben nach einer neuen Wohnart,
weiterhin nach sinngemäßer Verwendung neuer Materialien und neuer Konstruktion
begründet: nicht aber in dem Willen zu neuer For m." L e C o r -
b u s i e r : „Uns interessiert das Motorische unserer Zeit, nicht die Philosophie
ihres Stils."

Mit dieser Abwerfung der Vor-Erinnerung und bedingungslosen Einspannung
in die Gegenwart als dem letzten Resultat unserer Interpretation, aus dem alles phä-
nomenal Entdeckte, namentlich das Soziologische der Massenstruktur, seiner Mög-
lichkeit nach entspringt, läuft der Gedanke in das eingangs bezüglich unserer eigenen
theoretischen Besinnung Gesagte zurück.

Die antike Stimmkunst.

Von

Herbert Biehle.

Die unsterblichen Meisterwerke der Griechen und Römer auf dem Gebiete der
Schauspielliteratur, der Tragödie und der Komödie, lassen die Frage nach den
stimmlichen Leistungen der Darsteller berechtigt erscheinen, zumal noch eine andere
antike Stimmkunst, die der Rhetorik, in höchster Blüte stand. Die Rhetoriki) be-
schäftigte sich zwar zunächst nur mit dem Stoff der Rede, seiner Anordnung und
dem rednerischen Ausdruck. Später aber trat noch die Lehre vom Vortrag hinzu
mit Anweisungen für die künstlerische Behandlung der Stimme. Die erhaltenen
Werke geben uns einen Einblick in die ästhetischen Anschauungen über die Stimm-
kunst der Redner, und da diese bei Schauspielern Unterricht nahmen, auch in die
Sprechkunst des Theaters.

Zweierlei kam den Griechen für künstlerische Stimmbetätigung zustatten. Ein-
mal war esderWohllautder Sprache, den sie durch den vielfarbigen voka-
lischen Klang und das Fehlen der häßlichen Laute f und ch vor dem Lateinischen
und Deutschen voraus hat. Das Griechische steigerte diesen Wohllaut durch die

i) Walter Berg, Die Vortragssprache und Stimmbildungskunst bei den Alten.
Die Stimme I, 10 ff. 1906.
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