Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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I.

Zum Geheimnis der Mediceergräber.

Von

Victor von Kleinenberg.

Die historische Kritik hat es sich bislang vornehmlich zur Aufgabe
gestellt, den ursprünglichen Plan der Mediceergräber zu rekonstruieren,
seinen Veränderungen nachzugehen und die Idee der ersten Konzeption
zu entwickeln. In dem Mißlingen einer voll befriedigenden Lösung die-
ser Aufgabe sieht sie das rätselhafte Geheimnis der Mediceergräber. Bei
dieser Einstellung zur Sache finden die in der Lorenzokapelle vor-
handenen Denkmäler bei ihr nur ein mäßiges Interesse als selbständige
Kunstwerke. Sie erscheinen ihr als aus einem größeren Zusammenhange
hervorgerissene rudera, und als solche nur einer geringen Beachtung
würdig, da sie ja wesentlich nur als verlorene Glieder einer Gedankenkette
gewertet werden. Die ästhetische Wertung kommt dabei völlig zu kurz,
namentlich bei den 4 Sarkophagfiguren. In diesen sieht sie nur blasse
Allegorien, d. h. dekorative Figuren mit einem gedanklichem Hinter-
grund, indem sie kritiklos den traditionellen Bezeichnungen von Tag,
Nacht, Morgen und Abend folgt. Wo aber die historische Kritik nicht
umhin konnte, den Versuch einer wesenhaften Deutung der Figuren zu
wagen, ist es bei dem völligen Mangel einer strengen formal-kritischen
Methode nur zu gänzlich unzulänglichen Resultaten gekommen. Unge-
naue und einseitige Beobachtung hat nur zu einem Wirrwarr widerspre-
chender Meinungen geführt. Anstatt einer ästhetischen Wertung auf kri-
tischer Basis begegnet man nur vagen Gefühlsäußerungen, die sich bei
einigen aus Mangel an Verständnis sogar zu respektlosem Tadel an der
Kunst des großen Meisters versteigt. Nirgends zeigt sich genügende Ein-
sicht in die höheren Probleme formal-künstlerischer Gestaltung der Pla-
stik, nirgends die grundlegende Erkenntnis, daß auf einen seelischen
Inhalt plastischer Figuren nur durch die genaueste einfühlende Beobach-
tung statisch-dynamischer Haltung und Lagerung sämtlicher Körperteile
geschlossen werden kann. Wo dies gelegentlich versucht worden ist, wie
von Henke, ist es nur zu flüchtigen Ansätzen gekommen. Alles in allem
ergibt sich bei der bisherigen Sachlage ein völliges Versagen der Kritik,
was einem Burckhardt den schmerzlichen Verzicht abgenötigt hat: „Es

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