Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

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etwas oberflächlich waren und vor allem durch die Anwendung eines falschen Maß-
stabes entstanden. Forderungen, die ganz anderen Gesichtspunkten entsprangen,
wurden auf den Impressionismus übertragen, und die impressionistischen Bilder wur-
den an Bestrebungen gemessen, die dem Impressionismus selbst ganz ferne lagen.
Man ging dabei so ähnlich vor wie die Historiker, welche gotische Malereien vom
Standpunkt der Renaissance aus betrachteten und dabei natürlich nichts als Mängel
und Unreife entdeckten. Es muß endlich eingesehen werden, daß der größte Teil
aller feststehenden Regeln und die aus ihnen hervorgehenden Postulate nur Aus-
druck eines sozusagen aktuellen Standpunktes sind; sie sind nur gerechtfertigt,
soweit sie zur Schaffung eines neuen aktuellen Programmes dienen, besitzen aber
nicht unbedingten Wert und sind nicht als ein für allemal gültiger künstlerischer
Maßstab zu betrachten. Ein halbwegs objektiver Standpunkt erfordert, daß man
sich auf den Boden der betreffenden Richtung und ihrer Voraussetzungen stelle,
wenn es auch gewiß erlaubt ist, den Unterschied zwischen den aktuellen Voraus-
setzungen und den Voraussetzungen des untersuchten Phänomens aufzuweisen.

Es mußte betont werden, daß der Impressionismus zum Problem der Kom-
position und zur Lösung dieses Problems Stellung nimmt und nehmen muß. Aber
wir haben es hier mit einer Komposition zu tun, die mit den Voraussetzungen des
Impressionismus im Einklang steht und daher ebenso einseitig ist wie diese. Vor
allem und ausschließlich ist sie Komposition der Farbe. Alles, was mit der im Bilde
vorhandenen Linie zusammenhängt, abgeschlossene Flächen, abgegrenzte Massen,
alles das, was in des Wortes engerer Bedeutung die Elemente der Form ausmacht,
das alles existiert für den Impressionisten nicht und kann daher bei der Komposition
seines Bildes keine Rolle spielen. Der Impressionismus als Prinzip führt nicht zum
Fehlen der Komposition, jedenfalls aber zu einer besonderen Art und Einseitigkeit
derselben. Überhaupt war der Standpunkt des Impressionismus mehr analytisch
als synthetisch, und darum hat auch sein Verhältnis zur Komposition diesen vor-
wiegend analytischen Charakter.

Angesichts des Gesagten und besonders nach unserer Auffassung vorn Ver-
hältnis des Impressionismus zur Wirklichkeit mag die Frage des vielverschrieenen
Realismus der Impressionisten unklar erscheinen. Ich will mich hier nicht an eine
Definition des Begriffes Realismus wagen, der ebensooft gebraucht wie mißbraucht
wird. Das Beispiel des Impressionismus ist wieder ein Beweis dafür, wie bedingt
der Begriff ist, und wie beschränkt seine Anwendung sein muß. Wenn wir es als
Tatsache hinnehmen, daß die Impressionisten sich selbst für Realisten hielten und
als solche gelten wollten, so können wir vor allem feststellen, daß das Bündnis des
Impressionismus mit dem Realismus eher eine Art wilder Ehe war, das heißt eine
Verbindung von sehr bedingter Dauerhaftigkeit und bedingten Verpflichtungen. Das
Beispiel Renoirs beweist, daß es einen Impressionismus geben kann, der mit Realis-
mus nichts zu tun hat — denn meiner Meinung nach ist Renoir nicht mehr Realist
gewesen als z. B. Watteau. Die Beimischung realistischer Tendenzen kann mehr
oder weniger stark sein; jedenfalls hängt sie mit dem Impressionismus, d. h. mit
seinem formalen System, durchaus nicht unbedingt zusammen. Ich würde die Be-
hauptung wagen, daß für unser Empfinden z. B. die Schule von Barbizon unzweifel-
haft dem Realismus näher steht als der Impressionismus; daß ihr formales System
uns weniger abstrakt erscheint und eine stärkere Tendenz zur Lebenswahrheit be-
sitzt. Man kann sich sehr gut mystische oder andere Phantasmagorien impressio-
nistisch gemalt denken, was ja übrigens die Werke der deutschen Expressionisten
in die Tat umgesetzt haben. Der Begriff Realismus im Verhältnis zum Impres-
sionismus bezeichnet eher eine gewisse historische Position und ein bestimmtes Ver-
hältnis zum Thema. Er wird daher vor allem zum Ausdruck des Protestes gegen
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