Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Bemerkungen.

Probleme vergleichender Stilgeschichte.

Von

Walter Del-Negro.

Die alte Vorstellung von einer mehr oder weniger einheitlichen, mit gering-
fügigen Schwankungen doch ständig fortschreitenden Menschheitsentwicklung be-
gegnet heute von vielen Seiten dem größten Mißtrauen. Nietzsches beißende Kritik
des Bildungsphilisteriums hat den Fortschrittsaberglauben hinreichend suspekt ge-
macht, um einer gedankenlosen Höherbewertung des jeweils Späteren die nötige
Skepsis entgegenzubringen. Dazu gesellte sich das wachsende Gefühl für die Selb-
ständigkeit und Eigengesetzlichkeit der einzelnen Kulturen, auf die Spitze getrieben
in Spenglers kulturmorphoiogischem System, das geschichtliche Entwicklung über-
haupt nur im Rahmen dieser selbständigen Kulturen anerkennt und tiefergehende
Wechselbeziehungen zwischen ihnen schlankweg negiert.

Dieser extreme Standpunkt hat freilich wenig Anhänger gefunden. Über un-
fruchtbare Verneinung und Abwehr hinaus führte die neuerdings so kräftig auf-
blühende geopolitische Betrachtungsweise, die in ihrer Anwendung auf die Ver-
gangenheit neue Gesichtspunkte erschloß und Perspektiven ermöglichte, denen man
vielleicht mit größerem Recht den Namen „welthistorisch" beilegen kann als den
von Spengler versuchten. Gestattet doch die Beachtung der Räume, in denen ge-
schichtliches Leben sich abspielte, die Verfolgung einer ganz großen, tatsächlich
durchlaufenden Entwicklungslinie, die alten Orient, Antike und Abendland einem
Richtungssinn unterwirft und deren Hauptetappen etwa als Oasenkultur, Mittelmeer-
kultur und ozeanische Kultur definiert werden können. Es läßt sich zeigen, wie für
die Entstehung der ältesten Kulturen die Menschenballung in den großen Strom-
oasen und die Spannung zwischen eben diesen Gebieten und den umgebenden riesigen
Trockenräumen den Ausschlag gibt, wie diese Kulturen durch höchste Energie-
entfaltung der Gemeinschaften ihren im übrigen noch eng umzirkten Weg gehen und
einen wesentlich geschlossenen und fast rein terrestrischen Charakter besitzen; wie
dann weiterhin an geeigneten Stellen des mittelländischen Meeres die Seefahrt sich
entwickelt und im Zusammenhang damit durch Jahrtausende hindurch dieses von der
Natur so begünstigte Meer die Hauptstätte kultureller und politischer Entwicklung
wird, von der kretischen, der phönizisch-karthagischen, griechischen und helleni-
stisch-römischen Kultur zur byzantinischen, zur Kultur der Kreuzfahrerzeit bis
endlich zu der der Renaissance, und ebenso von den Stadtstaaten Griechenlands und
Italiens zu den ausgesprochen mediterranen Staatsbildungen Roms, Konstantinopels,
des arabischen Kalifats und des mittelalterlichen Universalismus (nur die Kultur der
Hansa stellt eine beachtliche Ausnahme dar, die aber bezeichnenderweise wieder an
ein Binnenmeer, nämlich an die Ostsee gebunden ist); wie dann endlich seit den
großen Entdeckungen die mediterrane Südfront Europas durch die atlantische West-
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