Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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DAS ERLEBNIS DER NÄHERUNG.

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Voraussetzungen der chinesischen Tuschlandschaft einfühlen können.
Welchen Fortschritt dies aber gegenüber einem Zustande bedeutet, in
welchem wir, die wir diesem Kronjuwel aus der Schatzkammer ostasiati-
scher Hochkunst doch persönlich nähertreten wollen, darauf an-
gewiesen sind, auf der Suche nach dem Verstehen die Ähnlichkeit mit
der Kalligraphie, die exotisch-dekorative Wirkung und die anziehend
symbolischen Sujets zu bewundern oder nach weiteren technischen Eigen-
tümlichkeiten zu suchen, das bedarf wohl nicht vieler Worte.

Selbstverständlich dürfen wir uns nie der Hoffnung hingeben, als
könnten wir eine von uns durch Weltteile, Rasse und Jahrhunderte
geschiedene Kunst in ihrem innersten Kerne uns jemals zu eigen machen.
Bestehen doch sogar innerhalb unserer abendländischen Kulturen so
viele „Unübersetzbarkeiten"! Worte des Tagesbedarfs sind übersetzbar,
Zeichen und Formen können wir kopieren. Unübersetzbar aber ist all
das Unbewußte, das sich daran knüpft; und das bewirkt, daß ge-
rade große Künstler, Dichter, Musiker fremder Kulturen, deren Werk
wir Wort für Wort übersetzen oder Ton für Ton spielen können, doch
für unser Kunsterlebnis so oft noch einen ungelösten Rest behalten, der
vielleicht gerade das charakteristischste Erlebnis ihrer Landsleute
umschließt.

Der tiefste Seelengrund asiatischen Lebens und Erlebens muß uns
notgedrungen ein versiegeltes Buch sein und bleiben. Für die unbewußt
bedingte Weltschau eines Kulturtypus ist die durch anderes Unbewußtes
bedingte Weltschau eines anderen Kulturtypus ein seelisches Ignorabi-
mus, und nur die Symptome sind auf einem intellektuellen Wege fest-
stellbar. Bestenfalls ist eine fremde Weltschau stückweise und in engen
Grenzen intuitiv zu erfassen. Haben wir aber einmal an der Hand viel-
facher Anschauung das asiatische Erlebnis der Näherung ahnend er-
faßt, dann kann es nicht nur unseren Genuß am asiatischen Kunstwerk
vertiefen, sondern — und darin liegt ein methodologischer Wert für uns
— uns auch gute Dienste bei den bisher noch nicht mit den erwünschten
Ergebnissen unternommenen Versuchen leisten, irgendwelche durchgrei-
fenden Stilunterschiede zwischen den beiden großen
ostasiatischen Kunstgebieten zunächst gefühlsmäßig
wahrzunehmen und sodann stilkritisch weiteren For-
schungen zugrundezulegen.
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