Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Der Aphorismus als literarische Gattung.

Von

Franz H. Mautner.

Mit der unproblematischen, scheinbaren Sicherheit, die Nachschlage-
werken so oft eigen ist, begegnet einem unter dem Stichwort „Aphoris-
mus" im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte folgende Defini-
tion: „Der Aphorismus ist eine selbständige Prosaform, die einen Ge-
danken in seiner ursprünglichen Subjektivität mit möglichst schlagender
Prägnanz zum Ausdruck bringt. In seinem eigentlichen Wesen ist der
Aphorismus rhetorischen Charakters, d. h. er erhält seine Prägung nicht
in erster Linie durch den logischen Gehalt seines Gegenstandes, sondern
durch die subjektive Auffassungsweise seines Verfassers, dem jedes
sachlich oft sehr unbedeutende, erregende Moment zu einem Impuls
intensiven, geistigen Erlebens wird. Die Spannung zwischen der hierbei
entstehenden subjektiven geistigen Energie und der individuellen be-
grenzten Objektivität des Beziehungsgegenstandes wird durch das Aus-
drucksmittel der Sprache in einer plötzlichen Konzeption ausgeglichen.
Das Resultat ist ein Aphorismus. Demnach hat der Aphorismus nicht
die Aufgabe, neue Erkenntnisse über irgendeinen Gegenstand mitzu-
teilen, sondern vielmehr die, eine subjektive Energie, die sich in einem
Gedanken entlud, zu übermitteln, wobei das Objekt nur als Mittel zum
Zweck fungiert ..." — Glaubt man überhaupt an die Möglichkeit der
strengen Definition einer literarischen Gattung, noch dazu einer in ihren
Formen und Gesetzen fast gänzlich unerforschten, und ist man gedrängt,
zu ihr Stellung zu nehmen, so wird die erste, gefühlsmäßige Reaktion
das Urteil sein, sie sei zutreffend und überzeugend, die nächste, histo-
risch und kritisch überprüfende Überlegung, sie sei nur sehr beschränkt
und nicht einmal für alle ihre Beispiele gültig und darum als Definition
unbrauchbar, die letzte, sie sei dies schon durch die Unklarheit ihrer
Herkunft, ihres Zieles und ihrer Ausdrucksweise.

Sie ist insoweit richtig, als sie weitgehend von jenem Instinkt für
literarische Gattungen bejaht wird, den der Autor wie der Leser, der um
Poetik, Ästhetik oder Gattungsgeschichte bemühte Forscher besitzen
muß, und der sich wohl aus dem unbewußten Hinblick auf den metaphy-
sisch idealen oder den geschichtlichen oder den durch seine Einpräg-
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