Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Geist und Seele im Rhythmus ?
(Eine Palinodie.)

Von

August Schmarsow.

Mein Beitrag zum Bd. XXIV dieser Zeitschrift „Gemeinschaft der Sinnes-
gebiete usw." hatte von einem Erfolg Richard Hönigswalds zu berichten, dem es
gelungen war, das Wesen des Rhythmus nach einer Seite hin aufzuhellen, die für
meine lange verfochtene Auffassung desselben in räumlichem Sinne vollkommene
Berechtigung erwies. Wenn der Philosoph gerade in einem Paradeigma für die
Psychologie (Wissenschaftliche Grundfragen V, Leipzig 1926) den Rhythmus,
seiner schulmäßigen Terminologie gemäß, als „produzierten Gegenstand" bezeichnet,
so mußte ich, zugunsten meiner eigenen genetischen Auffassung, das Bedenken er-
beben, diese Definition genüge doch nur für den fertigen Rhythmus, den als
Ganzes dastehenden Erfolg. „Ich halte erst den Satz: der Rhythmus ist ein
schöpferischer Akt des Ich, wenn nicht ein reiner Akt des Menschen-
geistes, für die befriedigende Lösung."

Seither habe ich versucht, mich in die Denkweise von Ludwig Klages hinein-
zufinden. Sowie ich mich ihr anschließe, kommt in meiner obigen Wortverbindung
„schöpferischer Akt" eine Unstimmigkeit zum Vorschein, die der Logiker eine
contradictio in adjecto nennt, oder es tritt die Gefahr ein, ihn nur als Willensakt
zu verstehen, in dem man lediglich den Impuls zur Ausführung erfaßte, also wieder
dem Gebilde selbst nicht gerecht würde, dessen Wesen zu bestimmen doch die Auf-
gabe war. Erst der tiefgreifende Umschwung, den uns die Lebenslehre von Klages
bringt, verschafft uns auch hier die Einsicht, daß der Rhythmus im menschlichen
Sinne, den wir suchen, zunächst einer Lebenswelle verdankt wird, die durch uns
hindurchgeht, andrerseits aber durch unsre Gestalt als organisches Lebewesen, also
durch die Besonderheit unsres Gliederbaues bestimmt wird. Damit ist alles das
gemeint, was ich in früheren Darstellungen, auch in dieser Zeitschrift, als „natür-
lichen Rhythmus" unsres menschlichen Gehabens bezeichnet und als Grundbedin-
gungen aller rhythmisierten Körperbewegung unterschieden habe. Lebensnähe war
immer ein unverkennbares Merkmal meiner Kunstlehre, von Anfang an, und Natur-
nähe dazu, so daß es mir nicht schwerfällt, die Verwandtschaft mit dem nord-
deutschen Denker freudig zu spüren und unverweilt anzuerkennen.

Klages lehrt, nur der Takt sei Produkt des Geistes, also gerade die mechanische
Seite des Vorgangs, die Regel. Doch ist nicht eben sie dann derjenige Bestandteil,
der eine Wiederholung überhaupt erst ermöglicht, indem er uns bewußt wird und
uns so veranlaßt „das Gesetz in unsern Willen aufzunehmen"? Es fragt sich nur, wie
weit von Zustimmung hierbei die Rede sein dürfe. Oder kommt schon die Wieder-
holung unwillkürlich zustande, ohne unser Zutun, durch ein hereinbrechendes Ge-
schehen, das stärker ist als wir? Auch diese Welle wäre ein Erlebnis, das nach
Klages treffender Charakteristik im Grunde ein „Erleidnis" sei! — Aber vielleicht
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