Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Künstlerästhetik als geisteswissenschaftliches Problem.

Von
Rene König.

Von jeher fühlten sich Künstler aller Arten getrieben, sich selber und
ihrer geistigen Umwelt über ihr Schaffen Rechenschaft zu geben. Man
kann es geradezu als Gesetz aussprechen, daß der große Künstler — meist
im Alter — die Prinzipien seiner Kunst herauszulösen sucht aus seinem
Werk. Er hebt damit die seinem Schaffen gleichsam immanenten Gesetze,
von denen er sich bisher unbewußt leiten ließ, ins Licht des betrachtenden
Bewußtseins und sucht vorzustoßen zu einer allgemeinen, expliziten
Wesenslehre der Kunst. Unmittelbarer Anstoß zu dieser vor der naiven
Rückhaltslosigkeit und hingegebenen Unmittelbarkeit schöpferischen Tuns
widernatürlichen Haltung, mag das Erlebnis der Gebundenheit durch
das eigene Werk sein. Der Künstler spürt, daß seiner Willkür Schranken
gesetzt sind — Schranken gesetzt sind gerade durch die Werke, die er
einer zuinnerst gesetzlosen und willkürhaften Freiheit entsprungen
glaubte. Bisher quollen sie scheinbar aus den Tiefen seiner Individuali-
tät, hatten für ihn Bedeutung allein in unmittelbarem Bezug auf die in-
timsten Regungen seines Herzens; es galt von ihnen der Satz: hoc nunc
os ex ossibus meis et caro de carne mea. Jetzt dagegen werden sie in selt-
samster Weise selbständig, entrücken sich plötzlich in eine Sphäre eigen-
gültigen Bestandes, die sie ihrem Schöpfer fremd macht1). — Jeder

1) Damit ist gesagt, daß sich die Besinnung des Künstlers auf sein Werk
wendet erst nachdem es vollendet wurde. Diese Erscheinungsform der Künstler-
ästhetik ist zu scheiden von jener anderen, die sich während des Schaffens-
prozesses betätigt. Wir denken dabei an Überlegungen über den Sinn des bereits
Vollendeten und die Richtung, in die es fortzuführen sein wird, über den Sinn
einer Darstellungsform (Kunstgattung) und darüber, ob das Entworfene den idealen
Forderungen etwa der Tragödie auch wahrhaft entspricht — Überlegungen, die
vielfach den Schaffensprozeß durchziehen, ohne gerade als Fremdkörper empfun-
den zu werden; — kurz an alle jene Erscheinungen besinnlichen Stockens im Fort-
lauf der Schaffenshandlung, die den Künstler in die Lage einer nachdenklich zögern-
den Behutsamkeit seinem Werk gegenüber versetzen. Vielfach artet dieser Einbruch
reflektierender Einkehr zu Krisen aus, die den weiteren Schaffensprozeß empfindlich
gefährden, wenn nicht gar völlig unterbinden können. — Von dieser besonderen
Spezies der Künstlerästhetik, die vielleicht ihre eigene Gesetzmäßigkeit und Typo-
logie nach Maßgabe des Temperamentes oder Charakters eines Künstlers aufweist,
soll nicht gehandelt werden.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXVII. 1
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