Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Bemerkungen.

Über einige Grundfragen der Ornamentbetrachtung.

Von Ernst Strauss.

Im Ornamente, gleichgültig welcher Epoche der Kunstgeschichte es entstammt,
schlägt sich das formale Vermögen (oder Unvermögen) einer Zeit so ungetrübt
nieder wie in keiner anderen sichtbaren künstlerischen Äußerung. Zwar hat die
Bedeutung der Ornamentik, ihre Stellung zu den übrigen Künsten, im Laufe
ihrer Geschichte beständig gewechselt; ihre Sprache ist nicht zu allen Zeiten gleich
deutlich vernehmbar, und gerade die Bestimmung ihres ästhetischen und zeitlichen
Verhaltens zu den übrigen Künsten — zur Architektur vor allem — bildet eine
wesentliche Aufgabe der Ornamentforschung. Aber der Wert des Ornaments ganz
allgemein als des untrüglichsten Anzeigers für die Formgesinnung einer Zeit bleibt,
ganz unabhängig von seiner geschichtlichen Lage, sich selbst immer gleich. Denn
das Ornament bezeichnet das Typische eines Formwillens. Es ist daher un-
persönlicher, überpersönlicher Natur. Es entspringt nicht, wie ein Gebilde der dar-
stellenden Kunst, der Intuition eines Einzelnen. Niemals kann es voraussetzungs-
los entstehen, und der Irrtum, es könne „gemacht" werden — es ist noch nicht
lange her, daß man allgemein an ihn geglaubt hat — wird sich immer rächen. Nicht
einer der führenden Meister hat, gleichsam aus dem Nichts, eine neue Ornamentform
geschaffen. Erst in einem verhältnismäßig späten Stadium unserer Kunstgeschichte
haben erfinderische Talente dem Ornamente als einem besonderen Kunstzweige Be-
achtung geschenkt1). Hinter dem Ornamente steht zu allen Zeiten die Formen-
anschauung einer Gesamtheit, die durch die Persönlichkeit — des Steinmetzen,
Goldschmieds, Stechers usw. — vermittelt wird, ohne durch sie schon individuell
gebrochen zu sein. Das Ornament ist also seinem Wesen nach durchaus anonym;
seine Geschichte ließe sich als eine Kunstgeschichte ohne Namen sehr wohl denken.

Mit der Betonung der Anonymität des Ornaments wird aber nur eine Seite
der ihm eigentümlichen Freiheit bezeichnet, einer Freiheit von Bindungen, denen

i) Wenn Dürer und Leonardo sich gelegentlich, in den Knotenerfindungen, mit
dem Ornamente abgeben, so sind das Ausnahmen, welche die Regel bestätigen; das
Genie ist ihm immer aus dem Wege gegangen. Von Michelangelo ist kein reiner
Ornamententwurf überliefert (Jahrb. d. allerh. Kaiseihauses, N. F. II, 1927), auch
von Bernini nicht. Die frühere Ansicht, daß Balth. Neumann die Stuckdekoration
der Würzburger Residenzräume „bis ins einzelne" vorgezeichnet habe (so noch
Dehio) kann nicht mehr aufrecht erhalten werden (Pfister-Sedlmaier, die fürst-
bischöfl. Residenz zu Würzburg, Text S. 181, Anm. 226). — Was Schongauer oder
Watteau für den Ornamentstich erfinden, kann man nicht eigentlich als Schöpfun-
gen einer neuen Ornament form bezeichnen; sie sagen nur in dichterer Form
aus, was irgendeinem phantasiebegabten anonymen Zeitgenossen auch möglich ge-
wesen wäre.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXVII.

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