Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BEMERKUNGEN.

die übrigen Künste, die Musik allein ausgenommen, nach irgendeiner Richtung hin
unterworfen sind: einer Freiheit von Bindungen an den Zweck, einen gegenständ-
lichen oder geistigen Inhalt, von Rücksichten auf irgendeine darzustellende Seite
der sichtbaren Natur. „Musikalischen Phantasien ohne Thema" vergleichbar, ge-
hört es dem Bereiche der pulchritudo vaga an, wo ihm schon Kant seine Stelle
zugewiesen hat2).

Unsere Überzeugung von dem Eigenwerte des Ornaments und von seiner kunst-
geschichtlichen Bedeutung als reinstem Sprachmittel eines Stils ist noch verhält-
nismäßig jung und auch heute noch nicht in das allgemeine Bewußtsein eingegangen.
Erst allmählich hat sie sich, als eine notwendige Folge der sich vertiefenden kritisch-
wissenschaftlichen Einsicht in die künstlerischen Welten der Vergangenheit, her-
ausgebildet, einer Einsicht, die produktiven Zeiten naturgemäß verschlossen bleiben
mußte. Künstlerisch, d. h. naiv schaffende Zeiten haben in dem Ornamente niemals
etwas anderes gesehen und sehen können als ein gefälliges Mittel zur Belebung der
Fläche, dem Auge zur Ergötzung; es mußte ihnen als eine an die niedrigere Tätig-
keit des Handwerkers gebundene, dem „höheren" künstlerischen Schaffen unter-
stellte Kunstform erscheinen. Ihnen, im Besitze einer geschlossenen, organisch ge-
reiften Formenwelt, konnte nicht klar werden, daß das, was sie als ein Begleiten-
des, Nebensächliches vielleicht oft kaum eines Blickes würdigten, aus einem Über-
schuß an formbildenden Kräften entsprang, daß das Ornament von diesen er-
zeugt und getragen wurde wie der Wellenkamm von der Woge. .

Als dieser Überschuß an formbildnerischem Vermögen zu versiegen begann, das
Ornament seine Lebenskraft verlor, hat es als besondere Formengattung noch nicht
aufgehört. Aber die Ornamentik wurde bis in die kleinste Äußerung hinein rück-
schauend und eklektisch, seitdem die Überzeugung von der künstlerischen Über-
legenheit vergangener Epochen auch im ornamentalen Schaffen sich durchgesetzt
hatte. Die Ruhe der klassizistischen Dekoration um 1800 ist gewiß als ein Rück-
schlag auf den Formenüberschwang des spätesten Barock zu begreifen. Darüber
hinaus aber bedeutet der Rückgriff auf die antike Ornamentik eine Entsagung, ein
offenes Eingeständnis der schwindenden Einbildungskraft. Entlehnungen und weit-
gehende Kopien kennt die Ornamentgeschichte von Anfang an wohl, was aber seit
dem Beginn des Klassizismus geschah, war ein Kopieren ohne eigenes Zu-
tun auf Grund eines schon philologischen, historisierenden Verhältnisses zur Ver-
gangenheit. Nur so erklärt sich der künstlerische Tiefstand der Ornamentik im
19. Jahrhundert. Heute sind sich wohl alle Einsichtigen darüber einig, daß wir
zur Zeit kein Ornament besitzen und keines besitzen können, weil uns die inneren
Vorbedingungen dafür fehlen, und die künstlerisch Tätigen stehen in dieser richtigen
Erkenntnis dem Ornamente fast ausnahmslos ablehnend gegenüber.

So verhängnisvoll die Entwicklung des Ornaments als Ausdrucksform seit dem
Ende des Barocks werden mußte — das wissenschaftliche Interesse an der Orna-
mentik künstlerischer Zeiten ist sicher erst durch das Erlahmen der formalen
Phantasie möglich geworden, wenn es auch auf lange hinaus noch einer scheinbar
künstlerischen Praxis zugute kommen sollte. Es findet seinen Ausdruck in den
„formengetreuen" Vorbilderaufnahmen historischer (d. h. historisch gewordener)
Ornamentmotive (Ortweins „Deutsche Renaissance" (1871), Hirths „Formenschatz"
(1871) ff. u. a. m.). Man erstrebte hier nicht mehr und nicht weniger als die
Teile in die Hand zu bekommen, während die Frage nach dem geistigen Bande gar
nicht ins Leben trat. Darin liegt vielleicht der Hauptgrund, warum das Ornament

2) Kritik der Urteilskraft § 16.
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