Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

Page: 52
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1933/0066
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
52

BEMERKUNGEN.

nur die Gewohnheit an den Dirigentenstab oder die Tastenreihe, die so leicht ver-
leitet, an linearer Bewegung hängen zu bleiben.

Die Lebensachse der architektonischen Schöpfung liegt aber in der dritten Dimen-
sion, d. h. in der Tiefenrichtung des Raumes, dem Vorwärtsschreiten unserer Beine
und dem Vorwärtsschauen unserer Augen gemäß, denen sich natürlich auch die
Gestaltungen unserer Hände anschließen. Diese längst verkündete Einsicht erneuert
inzwischen auch Ludwig Klages mit den Worten: „das Rätsel des Raumes liegt nicht in
der Breitenerstreckung und nicht in der Höhenerstreckung, sondern ganz allein in
der Tiefenerstreckung". (Vom Wesen des Bewußtseins, 2. Aufl., 1926, S. 70.)
Beim Erbauen wie beim Erleben vollzieht sich der Raum vor uns hin im Nachein-
ander der Zeit, wie beim Vortrag oder dem Aufnehmen eines Musikstückes, im
Hintereinander auch die Reihenfolge der Tempi einer Sonate. Wir müssen beim
Vergleich mit Werken der Baukunst nicht die Stirnseite derselben, also nur die Ober-
fläche, allein betrachten, sondern den Grundriß oder den perspektivischen Durch-
blick des Innenraumes zu Hilfe nehmen. So etwa in meinem Buch, das Torrefranca
vorgelegen hat, den Kirchenplan von S. Martino al Cimino, oder die photographi-
schen Einblicke in S. M. Novella, Sta Croce und Sta Trinita zu Florenz. Der Auf-
riß der Gewölbejoche, mit ihren Arkaden, Triforiengalerie und Fenstern darunter,
gibt wieder die Reihenfolge der Traveen auf die Fläche projiziert, also zum Ab-
lesen von links nach rechts bereitet; aber das Blatt muß aufgerichtet zu unserer
Rechten hingestellt werden, damit wir die Strophen durchverfolgen können, gleichwie
wir sie im Durchschreiten der Wandelbahn verfolgen und samt ihrem Spiegelbild
zur Linken erleben sollen. Erst wenn wir das Kirchenschiff oder den Festsaal als
„Raumgestaltung" erfassen, gelangen wir zum Verständnis der architektonischen
Schöpfung, und ebenso als Zeitgestaltung der musikalischen. Nur wer die zwei-
gliedrige oder dreigliedrige Sonate sich in ihrem rhythmischen Vollzug veranschau-
licht, etwa durch das Abbild der Schwingungskurven oder der Wellenbewegung
ihres Tongewoges, falls er sie nicht selber auf einem Instrument zu Gehör zu brin-
gen vermag, nur ein solcher Leser der feinsinnigen Studie Torrefrancas vermag auch
die tiefgreifenden Aufschlüsse in sich aufzunehmen, die ihm in dieser vergleichen-
den Betrachtung geboten werden.

Das Problem der Interpretation von Kunstwerken.

Bemerkungen zu Fritz Saxls Buch über Mithras.

Von Helmut Kuhn.

Die Arbeiten, in denen Aby Warburg die Ergebnisse seiner kunst- und kultur-
geschichtlichen und kunsttheoretischen Forschungen niedergelegt hat, sind bisher
nur zum Teil zugänglich. Außerdem gehört es zu den Vorzügen der Warburgschen
Forschungsweise, daß ihre prinzipiellen Fragen in der Arbeit der Interpretation
selbst dringlich werden. Aus diesem doppelten Grunde mag es gerechtfertigt sein,
die neue Schrift von Fritz Saxl (Mithras. Typengeschichtliche Untersuchungen.
Mit 43 Tafeln. Verlag Heinrich Keller. Berlin 1931. XI und 125 S.), die in selb-
ständiger Weise den Intentionen Warburgs folgt, im Rahmen einer grundsätzlichen
Erwägung zu besprechen. Ich gehe dabei von der Überzeugung aus, daß der von S.
geübten Forschungsweise eine über ihr besonderes Anwendungsgebiet weit hinaus-
loading ...