Münsterbau-Verein <Freiburg, Breisgau> [Hrsg.]
Freiburger Münsterblätter: Halbjahrsschrift für die Geschichte und Kunst des Freiburger Münsters — 13.1917

Seite: 1
Zitierlink: 
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/freiburgermuensterblaetter1917/0005
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Abbild. 1. Leichnam Christi auf dem Sarkophag des Heiliggrabs.

Heimsuchungen und Schicksale

des Freiburger Münsters in Kriegsnot, durch

Menschenhand und Feuersgefahr.

Von

Münsterbaumeister Friedrich Kempf.

II. Durch Menschenhand.

W/ZPüm vorigen Heft dieser Zeitschrift haben
/iBfV^V w'r e'n au^ tatsacnengetreuer Unterlage
^■-^V aufgebautes Bild entworfen von den
■^M^l Schicksalen und Heimsuchungen unseres
Münsters, die es gewaltsamer Weise er-
fahren hat durch Menschenhände in Kriegsnöten aus
der Zeit von vier Jahrhunderten, vom großen Bauern-
krieg (1525) an bis zur letzten Einnahme der Stadt
durch die Franzosen am 16. Juli 1796.

Wir haben dabei all die tausend Leiden, Ein-
bußen und zerstörenden Eingriffe kennen gelernt,
die das Münster dadurch an Geld und Gut zu er-
leiden hatte, so dass es ganz wunderbar erscheint,
wie es trotzdem im Äußern und Innern noch ver-
hältnismäßig so unversehrt erhalten ist. Wir konnten
weiter feststellen, dass die Franzosen den traurigen
Ruhm haben, in der Geschichte der Heimsuchungen
unseres Münsters während der vergangenen Zeit-
und Kriegsstürme eine große Rolle zu spielen.

Aber nicht nur in den Zeiten schwerer Kriege
ist dem Münster Schaden zugefügt worden, fast noch
mehr musste es zu allen Zeiten aus den verschie-
densten Beweggründen bewusst oder unbewusst Ver-
unstaltungen und Zerstörungen über sich er-
gehen lassen. Bauliche Veränderungen, ohne dass
in den meisten Fällen dafür ein zwingendes Bedürfnis

Freiburger Münsterblatter XIII.

vorlag, Pietätlosigkeit, Unverstand und Gleichgültig-
keit, Zeitströmungen mit ihrem Wandel des Ge-
schmacks, Stilreinigungsbestrebungen, die Sucht, ei-
gene, vermeintlich bessere Leistungen anstelle des
ehrwürdigen Alten zu setzen und manch andere Ur-
sachen und Interessen haben an und in ihm in
beklagenswerter Weise geschichtliche und kunst-
geschichtliche Werte verletzt und unwiederbringlich
vernichtet.

Einige bezeichnende Beispiele, die sich zugleich
als unerfreuliche Erscheinungen auf dem Gebiete der
Denkmalpflege des Münsters in den vergangenen
Zeiten charakterisieren, mögen dies beleuchten; die
infolge der großen Bauvorgänge veranlassten zer-
störenden Eingriffe mit ihren Voraussetzungen und
Folgen lassen wir dabei außer Betracht. Es ist ja
bekannt, dass jede Epoche in schonungsloser Weise
ihren Willen und Geschmack der zurückliegenden
Zeit gegenüber vollzieht.

Als man im Jahre 1913 der Achteckslaterne des
Hauptturms mit dem Gerüst auf den Leib gerückt
kam, war man nicht wenig überrascht, unter den
vier Engeln mit Posaunen, welche die sechsseitigen
hohen Fialentürmchen am Hauptturm bekrönten,
einen solchen ohne Posaune und von ganz anderer
Haltung und Bewegung, als die drei übrigen, vor-

l
loading ...