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Kladderadatsch in Paris: Humor und Satyre auf die Industrie-Ausstellung — Berlin, 1-5.1855

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https://doi.org/10.11588/diglit.2326#0026
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Zweiles tzchreikm des Quariauers Lnrtcheu ZMeßuik aus Nertiu au seiue ZMMer.

Paris, 20. October 1855.
Theure Erzeugerin!
Obgleich Du Dich sehr wundern wirst, seit unserer Ankunft hier-
selbst noch keinen zweiten Brief empfangen zu haben, erhältst Du heut
einen solchen, indem Einein die Zeit in Paris viel zu schnell vergcht,
was wohl mit daher kommen mag, daß Paris eine sogenannte Welt-
stadt sein soll nnd für dem Auge des Beobachters manches Bemerkens-
werthe darbietet, woriiber ich mich in meinen Correspondenzartikeln,
welche ich von hier aus für der „Zcit" schreibe, hinlanglich ausgedehnt
habe. Denn ich will es Dir, geliebte Mutter, nur gestehen: ich bin es,
aber unter dein Siegel der Verschwiegenheit, wie sich dieses geschätzte
Matt ja überhaupt durch der Jugendlichkeit seiner Mitarbciter ebenso
auszeichnet, wie dnrch den trockenen und schnell fangenden Streich- und
Schwefelhölzern seines Besitzers nnd eigentlichcn Redacteurs. Also
alles Uebrige kannst Du durch der „Z eit" erfahren, wogegen ich es fllr
einer wahrhaften Jndiscretion halten würde, übcr meineni Besuche bei
dem kranken Heinrich Heine Etwas zu veröffentlicheii, sondern nur
diesen vertraulichen Zeilen au meiner geliebten Erzengerin, was Du
niir doch immer warst, anzuvertrauen. Denii das konntest Dn Dir
doch wohl gleich denken, daß kein gebildeter Ouartauer nach Paris
tommt, ohne Heine zu besuchen, welcher doch immer eine sehr sehens-
werthe Merkwürdigkeit ist, sowohl in Folge seinem „Buche der Lic-
d er" als auch wegen seiner Kränklichkeit, welche insofern eigentlich ganz
gut ist, da in Folge dessen der Paris besuchende Deutsche Landsniann
ihn immer zu Hause trifft nnd sich nicht wie andere Schriftsteller vor
seinen Besuchen und sonstigen Gläubigern verleugnen lassen kanii, welche
er übrigeus, wie er in seinem letzteu nialiciösen Briefe an scinem guten
Bruder im Wiener Fremdenblatt versichert, gar nicht haben,
sondern in ganz guten Verhaltnissen befindlich sein soll. Davon abge-
sehen aber ist er ein höchst liebenswürdigcr Mensch, welcher einen sehr
gebildeten Eindruck macht uud Jedem etwas Angenehmes und Hiimv-
ristisches zu sagen weiß. Als ich ihm meincn Namen genannt hatte,
sagte er mir, daß derselbc ihm bereits bekanut wäre und daß die Fa-
milie der Mießniks eine ebenso alte als zahlreiche und weit ver-
Lreitete wäre, was iiatllrlich sehr schmeichelhaft für mich scin mnßte,
indem ich aber noch mehr erstaunt war, als Heine mir versicherte, daß
cr meine Schrif'ten kenne und sehr gern läsc, indem ich bisher
außer meinen Schiilaufsätzen in Quarta doch Nichts weitcr als nnr für
^er „Zeit" geschrieben habe, und dieses doch auch nur anonyin,
weßhalb ich mich wunderte, woher er wußte, daß das in der „Zeit"
von mir war, worauf er mir antwortete: „Von wem sollte es fonst
scin? Einen solchen Styl kann nur ein Quartauer schreiben, nnd
so graziösc Wendungen kann nnr ein Mießnik erfinden", wodnrch
ich niich wieder sehr geschmeichelt fühlte und ihm als GegenbeweiS doch
zeigen wollte, daß ich auch scine Schrifteu kcnne, weßhalb ich ihn bat,
mich seiner Mathilde vorzustellen, nnd sie bei dieser Gelegenheit an-
redete: „Sie häben Diamanten und Perlen und was sonst Mcnschen
Begehrs und Sie haben die schönsten Augen, mein"— Liebchen konnte
ich doch in seiner Gegenwart nicht zu ihr sagen, weßhalb ich das Gc-
spräch schnell abbrach und sehr geschickt anf der Dentschen Literatur
zu lenkcn suchte. Jch fragte ihn: wen halten Sie für deni größten
Deuischen Dichter?
Heine. Der größte Deutsche Dichter ist für mich dcr kleine
Zumpt. Seine Verse sind nicht wie die der übrigen Lyriker ein Aus-
flnß subjectiver Stimmimgen, sondern ein reiner Ausdruck objectiver
Wahrheiten. Zumpt ist der einzige Lyriker, dessen Verse nicht wol-
lüstelnde Schnsucht nach Vcreiniguiig, sondern die reinstcSittlichkeit
in der eiitschiedensten Sonderuiig der Geschlechter predigcn.
Jch. Ganz wie in unserer Synagoge.
Hcino. Lassen wir diese fatalen Reminiscenzen, und revsnons ü

iios inoutons. Welcher Dichter ist ein tieferer imd klarerer Kenner der
Menschheit? Wer hat jemals mit weniger Worten die ganze mo-
derne Gesellschaft treffender charakterisirt als er in seinem beißen-
den Epigramm:
„Oonilliuns ist waS eiuen Mcnin
Und auch ein Weih bezeichnen kaim"?
Diese Reinheit, diese Klarheit imd Präcision, diescS Sichfernhalten vou
jeder Empsinduiigsduselei hat ihn auch bisher vor allen Attentaten
Deutscher Componisteii bewahrt. Selbst Ferdinand Gumbert, der
sonst gegen die größten Dichter kein Mitleid, keine Schonung kennt: an
dieJamben und Trochäen des kleinen Zumpt hat er sich meines
Wissens noch nicht herangewagt!
Jch. Was Sie da sagen, scheint mir zwar neu, aber doch über-
raschend zu sein. Was halten Sie von der neucren dramatischeii
Literatnr?
Heine. Nichts'— als „Bothe's Bühnenrep ertoir."
Jch. Jch denke, das sind nur Uebersetziingen?
Heiiie. Eben deßhalb und in Folge des Preises von 2^/s bis
5 Silbergroschen sind diese Stücke vor allen in Deutschland gedruckten
die einzigcn, bei denen ich sicher bin, daß sie mir nicht gestohlen
werdcn könneii.
Jch. Dann scheinen Sie wohl mehr für den Romanschrift-
ftellern zu sein?
Heiiic. Die wesentliche Bedcutung des modernen Romans in
Deutschland scheint mir darin zu liegen, daß er, im Allgemeinen und
mit wenigen Ausnahmen, eine literarische Retirade für Damen ge-
worden ist.
Jch. Aha! Jch verstehe schon: Sie denken an der Gräfin Hahn-
Hahn, an Caroline Pichler, Amalie Schoppe und Henriettc
Hauke? Sagen Sie, wen halten Sie für die Bedeutendste von diesen
Vicren?
Heiiic. Ohne Zweifcl die Mühlbach. Sic ist jcdenfalls die
talentvollste von alleu, imd sie wäre auch die liebenswürdigste, wenn sie
nicht den großen Mundt hätte.
Jch. So? Und Faniiy Lewald?
Heine. Auch sie war eine ganz glückliche Romanschrift-
stellerin, bis sie später das Unglück hatte zu crbliiiden.
Jch. Was? Jst sie bliud geworden?
Heine. Das wissen Sie nicht? Ja wohl! Sie leidet seit eini-
ger Zeit am grnuen Stnhr; und es ist sehr die Frage, ob sie jemals
von ihm cnrirt werden wird.
Jch. Das mnß schrecklich sein, in dem Alter noch einen Stahr
zn kriegen! Ach, eS geht doch nichts in der Welt über der Ge-
sundhcit!
Heine. Sie haben cin großes Wort gelassen ausgesprochen; und
ich wünschc Jhnen von Herzen wohl zu leben und gesund zu bleiben!
Dainit drehte er mir dcn Rücken zu und gab mir weiter kcjne Ant-
wort, indein noch mchrere Deutsche Landsleute angemeldet waren und
er sich wahrscheinlich für dem nächsten Besuche wieder in der kranken
Positur setzen mußte, weil man nLmlich bei ihm nicmals weiß, ob
eS Ernst oder Spaß ist nnd er doch bekanntlich übcr Allem spottet,
weßhälb ich schou anf der Vermuthung gekomnieu bin, daß seine ganze
Krankhcit uebst Anf- nnd Niederklappen der Augenlider am Ende viel-
leicht bloß ebcnso cin Humbugh sein möchte, wie seinc Bekehrung im
Nachwort zum Romanzero, über dem sich auch alle Welt den
Kopf zerbrochen hat, was er damit hat sagen wollen, und die nbrigen
Gelehrten »och heutzutags ebenso wenig einig sind als
Dein
ewiger Sohn und Quartaner
Carl Micßuick.
 
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