Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 49.1924

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DAS THEATER VON PRIENE UND DIE GRIECHISCHE

BÜHNE.

Die Frage, ob das griechische Theater eine erhöhte Bühne
als gewöhnlichen Platz der Schauspieler gehabt habe, wurde
bekanntlich vor 50 Jahren noch allgemein bejaht. Die antike
Literatur über das griechische Theater und auch die erhaltenen
Ruinen schienen das in voller Übereinstimmung zu verlangen.
Denn einerseits überlieferte der römische Architekt Vitruv be-
stimmt, daß das römische Theater eine breite und niedrige, das
griechische aber eine schmale und hohe Bühne habe. Und
andererseits zeigten die damals bekannten Theaterruinen neben
zahlreichen Bühnen der römischen Art auch mehrere hohe
Bühnen der griechischen Art, besonders in Kleinasien; sie ge-
hörten allerdings alle der römischen Zeit an.

Erst als vor etwa 50 Jahren die ersten Theater in Griechen-
land selbst ausgegraben wurden, bereitete sich eine andere
Antwort auf jene Frage vor. Die Theater von Athen, Piräus
und Epidauros zeigten übereinstimmend an Stelle der Bühne
Vitruvs und der kleinasiatischen Theater eine 3 —4 m hohe
Säulenhalle, die aus mehreren Gründen unmöglich die Vorder-
wand einer Bühne dargestellt haben konnte, sondern nur als
Hintergrund für das Spiel in der Orchestra zu erklären war.
Dies Ergebnis des Spatens wurde bestätigt durch eine philo-
logische Dissertation von J. Höpken (De theatro attico saeculi
quinti, Bonn 1884), in der zwar an einer hohen griechischen
Bühne festgehalten, aber aus den Dramen erwiesen wurde, daß
Chor und Schauspieler im V. Jh. auf derselben Höhe gespielt
haben müssen. Das gab mir den Mut, in einer Sitzung des
Deutschen Instituts in Athen im Dezember 1884 die These
aufzustellen, daß das griechische Theater nie eine Bühne gehabt
habe, daß vielmehr Schauspieler und Chor stets gemeinsam
in der Orchestra aufgetreten seien. Die in den griechischen
Theatern erhaltene Säulenhalle, die vermeintliche Vorderwand
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