Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 49.1924

Page: 94
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1924/0101
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
94

WILHELM DÖRPFELD

alle Skenen des V. Jhs. zu ergänzen und sogar in jenem Giebel-
feld das gewöhnliche Theologeion zu sehen.

3. Die literarischen Zeugnisse.

Im Gegensatz zum Verfasser, der die erhaltenen Dramen
nicht als ausschlaggebende Quellen für die Ergänzung der Theater-
gebäude anerkennen will, glaube ich sowohl in. den alten, als
auch in den jüngeren Dramen nicht nur sehr wertvolle, sondern
sogar ausschlaggebende Zeugnisse für die Ermittelung der Gestalt
der Theater ihrer Zeit sehen zu dürfen. Ich habe das früher
schon wiederholt dargelegt. Ich verkenne daneben aber durch-
aus nicht den Wert der anderen Quellen für die Ergänzung der
Theater, besonders der Theaterruinen. Für das Theater des
V. Jhs. kommen die Dramen unbedingt in erster Linie in Betracht.
Aber sie haben, wie die Erfahrung gelehrt hat, nicht ausgereicht,
um seine Gestalt richtig zu ergänzen. Die Theaterruinen von
Athen, Epidauros, Oropos haben hinzukommen müssen, um
uns zu belehren, daß im griechischen Theater Chor und Schau-
spieler stets gemeinsam in der kreisrunden Orchestra aufgetreten
sind, und daß die griechische Skene keine Bühne, sondern ein
Hintergrundshaus neben dem Spielplatz war. Wenn diese Theater-
ruinen selbst auch aus jüngerer Zeit stammen, so haben sich
in ihnen doch noch einzelne Spuren vom Theater des V. Jhs.
erhalten. Die Bauwerke haben infolge des starren Festhaltens
der Baukunst am Alten oft noch einzelne ältere Einrichtungen.
treu bewahrt, auch wenn diese nicht mehr nötig waren.

Ich stimme aber mit dem Verfasser überein, wenn er nicht
alle Folgerungen anerkennt, die einige Gelehrte, wie E. Bethe
und neuerdings namentlich H. Bulle, aus einzelnen Dramen
ziehen zu können glauben. Aus den Dramen allein kann man
das Skenengebäude unmöglich positiv ergänzen, sondern kann
nur feststellen, ob das aus den Ruinen und anderen Quellen
ermittelte Gebäude für ihre Aufführung geeignet ist.

Die Behandlung der übrigen literarischen Zeugnisse durch
v. Gerkan wird ungünstig beeinflußt durch seine am Theater
von Priene gewonnene Überzeugung, daß alle griechischen
Theater in der Mitte des II. Jhs. v. Chr. eine hohe Bühne erhalten
hätten. Daher sucht er bei allen Schriftstellern seine spät-
loading ...