Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1982

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volle Bewegungen (meisterhaft bewältigtes schreubenhaftes
Zusammensinken Mariens Körpers, Gesten der in einen Mantel
gehüllten Hände), unregelmässig verteilte kleine und schlingen-
hafte Falten und durch expressiven Ausdruck der Gesichter
erreicht. Der zweite Steinmetz meisselte die Pieta und den Vera-
ikon. Die Ausführung steht im ausgesprochenen Gegensatz zur
vorangehenden. Beide Reliefs sind starr, statisch, die breiten
Gesichter der Gestalten sind ausdruckslos.
Die Arbeitsweise beider Steinmetze finden wir jedoch auch an
den anderen Relieffeldern, wo sie aber nur eine Komponente des
komplizierten Ganzen ist. Die Arbeit weiterer Individualitäten
kann nur auf Grund der Analyse weiterer kleinen Reliefs zu
unterscheiden gelingen, die dem Auge eines geläufigen Beschauers
beinahe unbemerkbar bleibt. Diese Reliefs befinden sich auf den
Baldachinen des nördlichen Portals. Zwei der besterhaltenen sind
Szenen des Ölberges und der Anbetung der heiligen drei Könige.
Der Meister des Ölberges am rechten Gewände war mit grösster
Wahrscheinlichkeit auch der Schöpfer der Hauptgestalten
(„Heiligen“) des Reliefs am westlichen Tympanon mit demselben
Thema. Das war der in seiner Ausdrucksweise traditionellste
Meister. Der die Anbetung der heiligen drei Könige schaffende
Steinmetz setzte im Gegenteil progressive Prinzipe durch. In der
Ausführung der Draperie zerstörte er den Kanon des schönen
Stils. Die Falten mancher seiner Bekleidungsstücke sind weich,
kurz und chaotisch, ohne Zusammenhang zu den darunter
befindlichen Körper. Dieses Meisters Werk war zweifellos auch
die Tafel mit der Gruppe von St. Johann und den Söldnern unter
dem Kreuz. Nachdem sich beide Pole der künstlerischen Auf-
fassung der Reliefs in Košice (der traditionellste und der fort-
sshrittlichste) auf Baldachinen des nördlichen Gewändes, die
zweifellos zugleich angebracht wurden, befinden, ist es klar, dass
auch das Aneinandertreffen der fortschrittlichen und traditionel-
len Elemente an den restlichen Tafeln nicht durch verschiedene
Entstehungszeiten erklärt werden kann. Weiter wird durch die
engste Knüpfung der Baldachinenreliefs zu manchen Portalta-
feln die ursprüngliche Einheit der architektonischen und plasti-
schen Komponente der Portale bestätigt.
Die Arbeiten an den Domplatten wurden durch ein anderes
Relief in Košice, die an der Façade der Franziskanerkirche sich
befindende Kreuzigung, beeinflusst. Es scheint an die böhmische
Malerei der achtziger Jahre (Kreuzigung aus sv. Barbora) anzuk-
nüpfen und dies höchstwahrscheinlich durch die graphische
Vorlage. Das Faltensystem (ein ähnliches finden wir an den
Reliefhalbgestalten am Rahmen des Madonengemäldes im St.
Veits-Dom in Prag, die um das Jahr 1400 datiert sind) weist
aber auf das allgemein angenommene Entstehungsdatum — das
Jahr 1405 hin. Der Autor der Kreuzigung der Franziskanerkirche
(den engsten Analogien in der Darstellung des nackten Körpers,
der Gesichtstypen entsprechend) konnte der Schöpfer der Tafel
mit den drei Gekreuzigten der Domkirche in Košice sein. Unter
Umständen konnte die Franziskanertafel als Vorlage dienen (was
auch die neuesten Entdeckungen der weitern Reliefs an der Fas-
sade der Franziskanenerkirche mit grösster Wahrscheinlichkeit

bestätigen werden). Trotzdem ist da eine deutliche Zeitverschie-
bung festzustellen.
Deshalb kann die Wirkung der einheimischen Tradition bei der
Formierung von Kunstprinzipien der Reliefs in Košice erwogen
werden. Ihre weitere unumstrittene Quelle ist die in Parlers
Umkreis entstandene Steinplastik und zwar jene ihrer Schichten,
die sich durch Plastizität, Homogenität, genaue und scharfe
Begrenzung des Details auszeichnet. Die engsten Parallelen finden
wir in den Gesichtstypen (unteres Triforium des St. Veits-Domes
in Prag — der junge Wenzel, Peter Parier, Blanche de Valois,
Herzogin Elisabeth des Bischofstores des St. Stephan-Domes in
Wien, Kremnitzer Bruchstücke usw.). Kompositionsähnlichkeiten
sind zwischen dem Jüngsten Gericht in Košice und dem Jüngsten
Gericht am südöstlichen Portal der Hciligen-Kreuz-Kirche in
Gmünd, sowie auch einigen Elementen an dem Jüngsten Gericht
des Ulmer Domes u. ä. deutlich bemerkbar. Es gibt eine Menge
Analogien im Umkreis von Parlers Steinplastik. Das Problem ist
jedoch durch die grosse geographische Entfernung zwischen allen
angeführten Werken als auch durch ihre verschiedenen Entste-
hungszeiten gegeben. Es scheint daher, dass die Beziehung zu
Parlers Umkreis nicht eindeutig als Schulungsumkreis bezeichnet
werden kann. Die Steinmetze in Košice schöpften ihre Anregun-
gen aus Parlers Umkreis, wo manche von ihnen vielleicht urs-
prünglich wirkten.
Es gab aber auch weitere wichtige Komponente in ihrer künst-
lerischen Aussprache. Vor allem die Dynamik des Faltenwurfes —
in manchen Reliefteilen ist die Draperie in kurze, weiche, chaoti-
sche Erhöhungen gerafft. Weiter der Naturalismus in der Dar-
stellung mancher Gesichter. Diese fortschrittlichsten Elemente
zwingen uns die Reliefs bis in den Anfang der dreissiger Jahre
des 15. Jahrhunderts einzureihen. Als Stütze dieser Datierung
gelten auch die Analogien des Faltensystems auf dem Baldachin
der Anbetung der drei Könige (besonders die Draperie des hl.
Joseph) mit der Holzplastik — der Purgstaller Madonna. Die auf
Grund der Stilanalyse dem Jakob Kaschauer zugeschriebene
Madonna ist in die dreissiger Jahre datiert. Wohl auch die Reg-
samkeit der Jesuskindgestalt der erwähnten Anbetung der hl. drei
Könige in Košice erinnert an die munteren Figürchen der Kinder
von Kaschauer. Kaschauers Plastik führt uns in den Umkreis der
niederösterreichischen Kunst, die gerade in diesem Zeitraum zu
einem wichtigen künstlerischen Zentrum wird. Die Ausstrahlung
des Einflusses konnte auch Košice erreichen.
Die Reliefs des Domes in Košice sind ein komplizierter Kom-
plex, in dem die einheimische Tradition (durch die böhmische
Kunst der achtziger Jahre beeinflusst) mit Parlers künstlerischer
Auffassung und dem allmählich sich formierenden Stil des im
niederösterreichischen Gebiet zugleich entstehenden gebrochenen
Faltenwurfes zusammentrifft. Dieses Zusammentreffen mehrerer
Tendenzen — der künstlerischen Auffassung, der seine Wurzeln
im 14. Jahrhundert hat, mit der eben entstehenden spätgotischen
Auffassung — ist bezeichnend für die dreissiger Jahre, die W.
Pinder „düstere Epoche“ nennt. In diesem Sinne sind die Relief-
platten in Košice eine typische Frucht dieser Epoche.
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