Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

MODERNE MEISTER
Wahrend in den Plasticks die Kunst des antiken Griechenland ais Ur-
sprung der freien Kiinste betrachtet wird, sollte die Darstellung der mo-
dernen Meister und die Betonung von dereń Unzulanglichkeiten auf die
aktuelle Wiederbelebung der Kiinste hinweisen. Im Hinblick darauf
stellt sich fur Shaftesbury die Frage, inwieweit die moderne Kunst der
romischen Hierarchie zu verdanken ist, und er verweist an dieser Stelle
- wie so oft - auf seine Ausfuhrungen in den Characteristicks55, wo er
darlegt, dafi die romisch-christliche und einst die katholische Kirche mit-
hilfe ihrer bekehrten Imperatoren dereń Vormacht festigten, indem sie
die existierenden Formen des Aberglaubens und des Enthusiasmus in
das eigene politische Modeli und in das ihr dienstbare theologische
System einbauten56. Im Profil der freien italienischen Stadtrepubliken
(wie Venedig, Genua und Florenz) erkannte Shaftesbury unterdessen die
Basis fur das erneute Aufkommen von Óffentlichkeit und Urteilskraft
der Kiinstler und der Burger57.
Damit und mit dem aufkommenden Interesse an griechisch-antiker
Kultur hangt auch Shaftesburys Verehrung fur die Kiinstler der Renais-
sance in Italien zusammen. Der Philosoph preist insbesondere Raffael
und stellt ihn in eine Reihe mit Meistern wie Homer, Xenophon, Demos-
thenes, Sokrates und Apelles58. Darin folgt er dem allgemeinen Trend
der vergangenen und seiner Epoche, die jedoch im Gegensatz zu Shaftes-
bury diesen Maler ais den „gottlichen”, ais Verkdrperung von Anmut und
Frommigkeit im Sinne christlicher Werte bezeichnete. Shaftesbury
schlieBt sich aber der Bewunderung des Meisters und seiner Kunst an,
weil diese Kunst zugleich ais Ausdruck klassischer Schonheit und Har-
monie geschatzt wurde59. Er bewundert Raffaels Justitia (Abb. 10) nicht
nur - wie andere Maler - wegen ihrer Anmut, sondern bezeichnet sie -
im Hinblick auf die Korruption der Malerei durch die Orientierung der
modernen Maler an den Leidenschaften - ais die innovativste im Aus-
druck der ais reflektierte Idee verstandenen Leidenschaften. Shaftesbury
wurde wahrscheinlich von der Haltung der Justitia beeindruckt. Sie kon-
zentriert die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern auf ihre Ta-
5j Characteristicks, III, S. 90.
56 Ebd. Vgl. SE, 1,2, S. 115.
57 SE, 1,5, S. 211.
58 SE, 1,5, S. 191. Shaftesbury spricht hier, im Kapitel iiber den Geschmack und die
Urteilskraft des Kiinstlers, iiber Raffael hinsichtlich der Pedanterie in der Kunst, die der
Philosoph in seiner Kunstlehre verwirft.
59 G. Vasari, Kiinstler der Renaissance: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten
italienischen Baumeister, Maler und Bildhauer, Herbert Siebenhiiner, (Nachdruck d. Ausg.
Florenz: Giunti, 1568), Koln 1997.
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