Assmann, Jan
Die Gott-Mythologien der Josephsromane — Düsseldorf, 2013

Seite: 22
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3. Mythos und Monotheismus

Neu bei Thomas Mann ist nun, dass er diesen Gegensatz von
Mythos und Monotheismus nicht ais ein sich abschließendes
Entweder-oder, eine Konversion vom einen zum anderen, eine
menschheitsgeschichtliche Wende sieht, sondern als ein Sowohl-
als-auch, als zwei sich ergänzende Seiten eines vollkommenen
Menschentums. Die zyklische und die lineare Zeit, das »in Spuren
gehen« und das »voran schreiten in der Geistigkeit«, die Erinne-
rung an die gründenden Muster der Vergangenheit und die wache
Aufmerksamkeit auf die Tagesordnung im Vergeistigungsprozeß
Gottes, das gehört zusammen wie Seele und Geist und wie der
Doppelsegen von unten und von oben. So heißt es im Vorspiel:
Es ist möglich, daß die Aussage, Seele und Geist seien eins gewe-
sen, eigentlich aussagen will, daß sie einmal eins werden sollen. Ja,
dies erscheint um so denkbarer, als der Geist von sich aus und ganz
wesentlich das Prinzip der Zukunft, das Es wird sein, es soll sein, dar-
stellt, während die Frömmigkeit der formverbundenen Seele dem Ver-
gangenen gilt und dem heiligen Es war. Wo hier das Leben ist und wo
der Tod, bleibt strittig; denn beide Teile, die naturverflochtene Seele
und der außerweltliche Geist, das Prinzip der Vergangenheit und das
der Zukunft, nehmen, jedes nach seinem Sinn, in Anspruch, das Was-
ser des Lebens zu sein, und jedes beschuldigt das andere, es mit dem
Tode zu halten: keiner mit Unrecht, da Natur ohne Geist sowohl als
Geist ohne Natur wohl schwerlich Leben genannt werden kann. Das
Geheimnis aber und die stille Eloffnung Gottes liegt vielleicht in ihrer
Vereinigung, nämlich in dem echten Eingehen des Geistes in die Welt
der Seele, in der wechselseitigen Durchdringung der beiden Prinzi-
pien und der Heiligung des einen durch das andere zur Gegenwart
eines Menschentums, das gesegnet wäre mit Segen oben vom Himmel
herab und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt. (35f.)

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