Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
12

W. Gieseler

sieht dann, daß keine echten Überaugenbrauenwülste wie bei einem Neandertaler vor-
liegen. Anthropologisch gesprochen handelt es sich nicht um einen Torus supraorbitalis,
sondern um einen Arcus superciliaris, wie er dem Homo sapiens eigen ist. Allerdings ist
dieser Arcus bei der Säckinger Calotte kräftig entwickelt, wie es auch bei einigen Jung-
paläolithikern der Fall ist.
Da die Gegend der Glabella nicht völlig erhalten ist, kann die Länge nicht unmittel-
bar gemessen werden. Sie läßt sich aber mit großer Genauigkeit bestimmen. Die größte
Schädellänge beträgt mindestens 202 mm. Das ist für einen Sapiens-Schädel eine sehr
große Länge. Gleichzeitig ist die Calotte sehr breit: Größte Schädelbreite 155 mm (Län-
genbreiten-Index 76,7). Einige Zahlenvergleiche verdeutlichen die besondere Größe der
Säckinger Calotte (s. Tabelle).

Neandertaler
Röthekopf
bei
Säckingen
Jungpaläolithiker
Neander-
tal
La
Chapelle
Monte
Circeo
Mittelwerte
von 30 Jung-
paläolithikern
(n. Morant)
Cro-
Magnon
Lautsch
Nr. V
Größte Länge
199
208
204
202
192
202
206
Größte Breite
147
156
155
155
140,5
149
149

Das Schädeldach vom Röthekopf übertrifft in der Länge und Breite die Mittelwerte
von 30 Jungpaläolithikern sehr erheblich. Es steht in der Länge dem „Alten“ von Cro
Magnon und dem Schädel Nr. V von Lautsch nahe, überragt beide aber an Breite. Daß
die Schädel der europäischen Neandertaler der letzten Eiszeit sehr lang und gleichzeitig
auch breit sind, ist bekannt. Die Säckinger Calotte erreicht in der Länge und besonders
in der Breite die Werte der Neandertaler. Es sei aber nochmals betont, daß das Schädel-
dach nicht zu einem Neandertaler gehört.
Auch die Stirn der Säckinger Calotte ist sehr breit. Das hängt zum Teil damit zu-
sammen, daß an dem Schädeldach eine Stirnnaht auftritt, bzw. erhalten geblieben ist.
Kreuzschädel haben eine größere Stirnbreite als solche ohne Stirnnaht. Morphologisch
ist noch die große Flachheit des Schädelgewölbes in der Längsrichtung zu erwähnen.
Das Säckinger Schädeldach wird nach seiner Größe und nach der Stärke der Arcus
superciliares einem Manne angehört haben. Der Zustand der Nähte weicht von der
Regel ab. Außen sind die linke Lambdanaht und der untere Teil der Kranznaht schon
verwachsen, während die Pfeilnaht noch sichtbar ist. Das spricht etwa für ein Alter von
30—40 Jahren.
Da auf dem Röthekopf nur ein Schädeldach in geschützter Lage unter Gneisplatten
und sonst keine weiteren menschlichen Knochen zu Tage gekommen sind, denkt der Ent-
decker mit Recht an eine Schädelbestattung. Diese sind aus dem Jungpaläolithikum von
einigen Orten bekannt. In Süddeutschland haben wir aus späterer Zeit noch die Kopf-
bestattungen aus der Großen Ofnethöhle, vom Kaufertsberg und aus dem Hohlestein des
Lonetals. Sie entstammen wohl dem frühen Mesolithikum (Gieseler 1951). Vielleicht
ist zu ihnen auch der zweite Stettener Schädel zu stellen, den G. Riek 1931 in der Vogel-
 
Annotationen