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H. Nesselhauf

geworden seien. In welchen konkreten Erscheinungen diese Angleichung sich äußerte,
darüber sagt er nichts. Wie wenig differenziert Germanen und Kelten antiken Beob-
achtern erscheinen konnten, zeigt die Charakterisierung, die wir bei Strabo lesen: „die
Germanen unterscheiden sich von dem keltischen Volk nur um ein weniges durch das
Übermaß an Wildheit, Größe und Blondheit, im übrigen sind sie sich ähnlich an
Gestalt, Naturanlage und Lebensgewohnheiten“.
Daß in Südwestdeutschland die Gegensätze zwischen Kelten und Germanen schärfer,
die Unterschiede krasser zutage getreten seien, dafür wird man die literarische Über-
lieferung jedenfalls nicht ins Feld führen dürfen. Ariovist hat aller Wahrscheinlichkeit
nach einen keltischen Namen, eine seiner beiden Frauen, die Schwester des Königs
der Noriker, war eine Keltin, er beherrschte die gallische Sprache infolge langer Übung.
Die Germanen Ariovists hätten gallisches Land und gallische Zivilisation liebgewonnen,
heißt es bei Caesar. Sowohl der Name der Triboker wie der der Nemeter ist, wie die
Sprachwissenschaft meint, keltischen Gepräges. Das läßt auf einstige Nachbarschaft und
engen Kontakt mit Kelten schließen. Wo die Triboker und Nemeter saßen, bevor sie
an den Oberrhein kamen, wissen wir nicht.
In der Gefolgschaft Ariovists fanden sich freilich auch eben erst zu ihm gestoßene
Scharen wie die aus dem germanischen Norden stammenden Haruden. Sie mögen den
Galliern und vielleicht auch den schon länger in der Kontaktzone befindlichen germani-
schen Stämmen fremder, barbarischer vorgekommen sein, keltisiert waren sie schwerlich.
Das mag auch noch für andere Gruppen der in Südwestdeutschland eingedrungenen
Germanen zutreffen. Daß sich bei Bewegungen dieser Art oft recht heterogene Elemente
zusammenfinden, dafür liefert die Geschichte aus allen Zeiten genug Belege, man denke
nur an die Verbindung der Kimbern mit dem helvetischen Gau der Tiguriner.
Auch wenn man eine im einzelnen nicht genauer bestimmbare Uneinheitlichkeit der
Ariovistgermanen anerkennt, so wird man sich doch im ganzen die Unterschiede zwischen
Germanen und Kelten in den Oberrheinlanden nicht sehr groß vorstellen dürfen, zur
Zeit Caesars nicht, noch weniger in der folgenden. Eben darin aber, daß die ethnischen
Profile nicht so deutlich umrissen sind, so daß aus jeder Einzelerscheinung sich unmißver-
ständlich und eindeutig der ethnische Bezug ergäbe, daß wir vielmehr im Kontakt-
bereich mit einer Keltisierung der Germanen und umgekehrt, wenn auch nicht in dem-
selben Maße, mit einer Assimilierung der Kelten unter germanischer Einwirkung zu
rechnen haben, eben darin sehe ich die größte Schwierigkeit für die historische Aus-
wertung der nicht sprachlich dokumentierten Überlieferung.
Fassen wir das Gesagte zusammen, so stellt sich uns die Bevölkerungsgeschichte der
Oberrheinlande in den beiden Jahrhunderten um Christi Geburt auf Grund der litera-
rischen Überlieferung in den großen Zügen — und nur sie können wir rekonstruieren —
so dar: vermutlich zu Ende des 2. oder zu Anfang des 1. vorchristlichen Jahrhunderts
wurden die Helvetier aus Südwestdeutschland hinausgedrängt von nach Süden vor-
stoßenden germanischen Stämmen, die sowohl den Hochrhein wie den Oberrhein
erreichten — ob auf der ganzen Länge, wissen wir nicht. Die Versuche dieser Germanen,
über den Rhein vorzudringen, wurden von Caesar vereitelt, der die schon Eingedrunge-
nen wieder über den Rhein zurückwarf, sich andererseits aber jedes Eingriffs in die
 
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