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Buchbesprechungen

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vier Jahrzehnte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts umfassende Periode wird insgesamt als
„Spätlatenezeit“ bezeichnet und in drei zeitliche Gruppen gegliedert (im Interesse eines deut-
licheren Sprachgebrauechs wären klare, der Schematisierung S. 70 Anm. 214 entsprechende Defi-
nitionen trotz der damit verbundenen Gefahr vielleicht doch erwünscht gewesen). Die älteste ist
die Gruppe der älteren Brandgräber, die einfache Fibeln nach Mittellateneschema führt. Kamm-
strichverzierte Wulstrandtöpfe dieser Gruppe bringt Verf. mit den schon in einem späteren
Abschnitt der Stufe Latene C im bayerischen Donautal auftretenden, jedoch meist aus Graphit-
ton bestehenden ähnlichen Gefäßen in Zusammenhang (S. 56 f.) und macht damit wie mit Hilfe
der dieser Gruppe eigenen Fibeln und Schwerter wahrscheinlich, daß die Gruppe der älteren
Spätlatenegräber der Wetterau „schon irgendwo am Ende der in Bayern vertretenen Stufe
Reinecke LTC“ beginnt. Die folgende mittlere Gruppe ist durch die Nauheimer Fibel gekenn-
zeichnet, für deren Datierung der Fundstoff der Wetterau nichts ergibt, was über unsere bisherige
Kenntnis hinausgeht (gegenüber den Fundzusammenhängen im Gräberfeld von Sponsheim bei
Bingen, die ein Nachleben der Nauheimer Fibel bis etwa in frühclaudische Zeit hinein nahelegen,
äußert sich Verf., eingedenk der Behrens’schen Warnung, S. 51 Anm. 109 skeptisch, hält sie aber
S. 73 Anm. 225 nicht für unmöglich). Den vom Verf. S. 51 Anm. 108 geäußerten Bedenken gegen
die heute allgemeine Tendenz, das Anfangsdatum der Nauheimer Fibel später als um die Mitte
des letzten vorchristlichen Jahrhunderts anzusetzen, kann ich nicht beipflichten; die erwähnte
Beziehung der kammstrichverzierten Wulstrandtöpfe mit den Graphittontöpfen des bayerischen
Donautales scheint mir eher darauf hinzuweisen, daß das Ende der Gruppe der älteren Brand-
gräber der Wetterau später anzusetzen ist als das Ende der Stufe Latene C in Bayern, sind doch
dort die genannten Graphittontöpfe erst während der Stufe Latene D in weiten Gebieten All-
gemeingut geworden. Dem widerspricht auch die S. 46 f. aufgezeigte Verknüpfung dieser Gruppe
mit der von K. Schumacher und W. Dehn aufgezeigten älteren Spätlateneschicht in Rheinhessen
nicht, eine Verbindung, die sich übrigens von dort mit Hilfe gewisser, auch von Schönberger
a. a. O. herangezogener zweischleifiger Spiralarmringe aus Bronze über den südlichen Oberrhein
bis ins Schweizer Mittelland — dort in den jüngsten Gräbern der Latene C-Friedhöfe — ver-
folgen läßt. Denn das Ende jener älteren Schicht in Rheinhessen hängt wiederum vom Anfangs-
datum der Nauheimer Fibel ab. — Am Ende steht dann eine Gruppe von Gräbern mit ent-
wickelten Schüsselfibeln, Fibeln mit geknicktem Bügel, Augenfibeln und Stangenschildbuckeln, die
bis etwa gegen die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts reicht.
Eine so weitgehende chronologische Differenzierung ist bei den Siedlungsfunden kaum durchzu-
führen, doch lassen sich wenigstens Fundkomplexe der älteren Latenezeit einigermaßen von denen
der Spätlatenezeit trennen (dabei würde ich von den S. 67 angeführten und der älteren Latenezeit
zugewiesenen Funden die von Groß-Auheim, Dammskippei — Taf. 17, 1—5 und Taf. 21, 10
und 11 — und von Frankfurt-Heddernheim — Taf. 23, 6—16 — wenigstens teilweise lieber in
die Zeit der älteren Brandgräber setzen).
Die Betrachtung der Siedlungsverhältnisse führt im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß der Beginn
der älteren Brandgräber keineswegs eine Neueinwanderung bedeutet. Verf. gelingt es zu zeigen,
daß die Wetterau seit Beginn der Stufe Latene B sehr eng mit Hessen-Starkenburg und Rhein-
hessen zusammenhängt. Er leitet infolgedessen im Gegensatz zu Behaghel auch die Sitte des
Brandgrabs aus der jüngeren Hunsrück-Eifel-Kultur ab, wo das Brandgrab nach W. Dehn schon
in einem jüngeren Abschnitt der älteren Latenezeit allgemein bekannt ist. Die Nordostgruppe
Behaghels, deren Südgrenze er mit dem Gießener Landrücken als gegeben annimmt (auf dessen
trennende Funktion macht Schönberger mehrfach aufmerksam), betrachtet Verf. zwar nicht als
ungermanisch, aber doch als eine „randgermanische Ausbildung“ (S. 35), die den Brandgrabritus
in der Wetterau allenfalls sekundär angeregt haben könne. Noch in der zweiten Hälfte des
letzten vorchristlichen Jahrhunderts unterscheidet sich der Fundstoff der Wetterau von dem der
sicher keltischen Nachbarlandschaften kaum, doch finden sich in dieser Zeit die ersten germani-
schen Fundstücke, und germanische Niederschläge häufen sich erst in der Zeit um Christi Geburt.
Die angeführten Stücke, die eine Herkunft aus Mitteldeutschland wahrscheinlich machen, sind
jedoch zu wenig zahlreich, um eine Verdrängung der eingesessenen keltischen Bevölkerung glaub-
haft erscheinen zu lassen. Schönberger weist mit Recht darauf hin, daß diese germanischen Funde
auf keinen Fall die Anwesenheit der von Caesar genannten Germanen belegen. Einleuchtend ist

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