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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 21.1958

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https://doi.org/10.11588/diglit.43788#0044
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Rudolf Albert Maier

und Retardierende Hand in Hand. Man pflegt dabei den Ausdruckswert und überhaupt
die kulturelle Rolle des keramischen Bildens zu übersehen. Gerade auf diesem Kultur-
sektor zeigt die Munzinger Siedlung sehr ansehnliche Leistungen und eben diejenigen
„Übernahmen“ aus dem Metallraum, die wir in Gerät und Schmuck vermissen. Dieser
Weglassung und Ablehnung, dem bewußten Verzicht auf die im Metall liegenden Mög-
lichkeiten steht also ein Herausheben des Keramischen als eigene Leistung gegenüber.
Ähnlich verhält es sich mit der viehwirtschaftlichen Spezialisierung. Dabei ist Mun-
zingen kein Einzelfall, sondern nur eine unter vielen möglichen Ausprägungen im
Kulturbild dieser revolutionären Zeit. Eine nach Befunden und Problemstellung merk-
würdig gleichgelagerte Situation ergab etwa die Ausgrabung des „steinzeitlichen“ Dorfs
von Berlin-Brix, deren gründliche Veröffentlichung hier nicht übergangen werden
soll.188)
Als praktisches Ergebnis unserer Ausführungen darf die Schließung der älterbronzezeit-
lichen Siedlungslücke innerhalb des Breisgaus durch die Munzinger Fazies gelten. Denn
wenn sich unsere Vermutungen bestätigen, müßten in diesem Gebiet weitere einschlä-
gige Funde zu erwarten sein, die, ihrem lokalen Charakter entsprechend, auch besonders
bezeichnet werden sollten. „Munzinger Fazies“ klingt dabei unverbindlicher als ein
Zeit- oder Gruppenbegriff, der ja auch nicht gerechtfertigt wäre. Eine weitere, prak-
tische Schlußfolgerung ist die Unmöglichkeit, Einzelfunde oder ärmere Fundkomplexe
„Michelsberger Art“ innerhalb des fraglichen Gebiets sicher zu beurteilen.
Der so entstehende Eindruck einer vielschichtigen und vieldeutigen „Übergangsphase“
zur Bronzeperiode wird durch die zwar zweifelhaften, aber im Grund gut denkbaren
Beziehungen der Munzinger Fazies zur Glockenbecherkultur gestützt. Bekanntlich
bilden auch die fast ausschließlich in ihren Gräbern zu fassenden „Glockenbecherleute“
eine wenigstens teilweise frühbronzezeitliche Gruppe. Schon früh wurde für die Bei-
keramik der mitteleuropäischen Glockenbecher eine ältere „einheimische“ Tradition
vermutet.198 199) In unserm Fall könnte das nur Michelsberg sein. Ähnlich liegen die Ver-
hältnisse innerhalb der böhmisch-mährischen Glockenbechergruppe. Dort kann die frag-
liche Komponente auf die vorhergehende bzw. noch gleichzeitige „Nordickä keramika“
in ihren vielen Varianten zurückgeführt werden. Ganz entsprechend sind die „Alt-
heimer“ Keramikelemente der Glockenbecher-Siedlung von Nähermemmingen im
Nördlinger Ries zu sehen.200) Mit Ausnahme dieser Siedlung sind in dem relativ gut,
wenn auch ungleichmäßig erforschten Mitteleuropa bisher keine Glockenbecher-Wohn-
plätze bekannt. Es wäre daher wohl erwägenswert, ob nicht Siedlungen wie Munzingen
diese Lücke lokal zu schließen vermöchten. In diesem Zusammenhang erschienen sowohl
die bekannten Beziehungen der oberrheinischen Glockenbechergruppe zu Böhmen und
Mähren wie andererseits die „Aunjetitzer“ und „Badener“ Elemente der Munzinger
Siedlung in neuem Licht. Weitere hierher zählende Verbindungen sind ein nach Kisa-
postag- oder Adlerberg-Manier gearbeiteter Krug aus einem Riegeler Glockenbecher-

108) Umbreit, Neue Forschungen.
199) Bosch Gimpera, in: Ebert 4/2, 361; Kimmig, Wahle-Festschr. 146.
20°) Dehn u. Sangmeister, Ries 26, Nr. 83 u. Taf. 14, 11—27. 29—36. 38—60.
 
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