Becker, Hanna Luise; Altdorfer, Albrecht [Ill.]
Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers — München, 1938

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Einleitung.

Die deutsche Zeichnung wächst zu Beginn des 16. Jahrhunderts
zu großer und selbstgültiger Form. Sie gelit ihrem Wesen nach
über die nur vorbereitende Studie und den ersten Entwurf eines
Bildgedankens hinaus und findet in der ihr eigenen Gesetzlichkeit
der Linieihre Erfüllung.

Die Zeichenkunst der Größten der Zeit ist eine form-schaffende
und form-erfüllende Kunst. Eine Gestalt wird in ihrer Ganzheit
erfaßt und in lebendiger sinnenhafter Anschaulichkeit gegeben.
Bei aller Abstraktion, die zum Wesen der Zeichnung als einer Li-
nienkunst gehört, erstehen Bilder von starker Unmittelbarkeit,
denen das Erleben des Künstlers in besonderem Grade noch nahe
ist. Eine Bildniszeichnung Dürers oder Holbeins umschließt die
wesenhaften Züge eines menschlichen Antlitzes in großer Ein-
dringlichkeit. Die Linie wird ebenso Ausdruck für eine äußere
Form wie für eine seelische Spannung und eine leidenschaftliche
Erregtheit. Bei der Zeichnung einer Szene oder eines Vorgangs
dagegen liegt der Reiz in der leicht verschwebenden und nur an-
gedeuteten Darstellung, in der Flüchtigkeit des wandlungsfähi-
gen Strichs, der nur lose der Fläche verbunden bleibt.

In einem besonderen Sinn stehen Albrecht Altdorf ers Zeich-
nungen als einmalige und sehr persönliche Schöpfungen inner-
halb der gleichzeitigen Zeichenkunst. Es ist entscheidend für ihr
Wesen, daß sie um ihrer selbst willen entstanden, daß erst die
zeichnerische Form den Bildinhalten Leben und Bedeutung ver-
leiht. Daraus spricht Altdorfers eigenstes Verhältnis zur Zeich-
nung: für ihn ist Linienkunst im allgemeinsten Sinn maßgebend
für die Gestaltung. Aus einer reichen Phantasie quellen die For-
men; spielerisch und verzaubert wirken die in Linien umgebilde-

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